Arbeitsbuch Kirchengeschichte

Buchvorstellung - 17.07.2013

Harry Noormann (Hg.)
Arbeitsbuch Religion und Geschichte
Das Christentum im interkulturellen Gedächtnis, Band 2
Kohlhammer, Stuttgart 2013

Nachdem der erste Band des Arbeitsbuches die Zeitspanne von frühen Christentum bis zum späten Mittelalter umfasste, setzt der zweite Band des Arbeitsbuches die historische Chronologie mit Martin Luthers Stellung zum Judentum fort und spannt den Bogen bis zur Kirche in der DDR.

Zum Aufbau: Dem Herausgeber und dem Verlag ist es zu verdanken, dass sich alle Autoren einem einheitlichen Aufbau ihrer Beiträge beugen, der mit „Streiflichtern“ zum entsprechenden Thema beginnt und mit einem gerade auch für die Religionspädagogik interessanten „Sachor – gedenke“ abschließt. Diese beiden Rahmungen entfalten zum einen einen – notwendigermaßen – groben Überblick über die Forschungslage zur Thematik, ordnen die spezifische Fragestellung in den Gesamtkontext historischer Forschung ein, zeichnen Diskussionslinien nach und sorgen für die begriffliche Klärung der verwendeten Termini. Zum anderen regt das Schlusskapitel zu eigenem Nachdenken, religionspädagogisch-didaktischer Zugehensweisen, zu weiterführenden Überlegungen und manchmal auch zu Kopfschütteln an, wenn Stolpersteine zu einem wirklich stolpernden Nachdenken über die eigenen Voreinstellungen und bisherigen Einschätzungen zur Thematik nötigen.

Den „Streiflichtern“ folgt ein prismatischer Blick („Prisma“), der die bereits entfalteten Aspekte auf ihre Gegenwartsbedeutung hin untersucht. Wie durch ein Prisma – insofern ist die Kapitelüberschrift programmatisch – werden gegenwärtige Problemlagen so mit dem Ursprungssachverhalt verknüpft, dass quasi ein aufgefächert buntes Licht auf die Gegenwart fällt. Umgekehrt werden verschiedene aktuelle Sachverhalte auf einzelne historische Entwicklungen und Entscheidungen rückgeführt. Dass dabei Differenzierung verloren gehen muss, bleibt als Gefahr bestehen. Alle Autoren argumentieren aber themenfokussiert und wissenschaftlich korrekt. Sie machen darüber hinaus diese Reduktion transparent.
Die „Ortsbesichtigung“ nimmt sich ein exemplarisches Motiv der Thematik und entfaltet daran die folgende „Lerngeschichte“, in der die historische Arbeit an Quellen die Gesamtthematik erschließt. Die „Wittenberger Judensau“ oder „Hitler im Kloster Maulbronn“ mögen als Beispiele genügen und deutlich machen, wie hier, ausgehend von einem historischen Ereignis/Relief, exemplarisch gearbeitet werden kann. Anschließende Geschichtsarbeit ist sozusagen mit der Sachanalyse/Kontextanalyse der Quelle vergleichbar. Im „Forum“ wird diese Arbeit des Historikers kritischen Rückfragen und alteritären Deutungen ausgesetzt. In der Diskussion unterschiedlicher Positionen und Bewertungen wird auch der Leser zu eigenem Urteilen angeregt.

Das gut und spannend zu lesende Buch ist dicht an Informationen. Es bietet viel Information/Text, der durch Infokästen aufgelockert ist, in denen Begriffe geklärt, Abgrenzungen vorgenommen, Quellen zugefügt, Zusatzinformationen gegeben und entscheidende Sachverhalte fokussiert werden. Es ist als Arbeitsbuch gut geeignet. Die einzelnen Kapitel sind unabhängig voneinander zu lesen und zu bearbeiten. Die – leider - wenigen Bilder und die Tabellen/Grafiken verstärken den Nutzen als Arbeitsbuch und visualisieren wichtige Details. Dies hätte intensiviert werden können.

Zum Inhalt:
Andreas Pankritz untersucht Luthers Stellungnahme zu Judentum und Islam. Er macht deutlich, wie basal die Ablehnung gegenüber den beiden abrahamitischen Religionen mit der Rechtfertigungslehre Luthers geknüpft ist und wie sehr hier zeitbedingte Vorurteile und Ängste prägend wirkten, die beide Glaubensvorstellungen mit Häresie auf eine Ebene stellten. In seinem Urteil zieht er den Faden bis in unsere Gegenwart und fordert eine Revision der lutherischen Position unter christologischer Perspektive innerhalb der evangelischen Kirche, die vor allem gegenüber dem Islam noch geleistet werden müsse.

Martin Schmidt-Kortenbusch blickt auf Kolumbus und Las Casas Eroberung und Evangelisierung Lateinamerikas. Wie zu erwarten zieht er den Faden von der christlichen Kritik an den Vorgehensweisen, die den Menschen als Ebenbild Gottes in den Mittelpunkt stellt und die vatikanische Politik anprangert, bis zur Befreiungstheologie um Leonardo Boffs, Jon Sobrino und Dom Helder Camara. Der Autor endet mit einem skeptischen Zukunftsblick. Ob dieses Skepsis bleiben wird oder durch den neuen Papst Franziskus I. eine Neubewertung der Option für die Armen in der vatikanischen Politik und Theologie erfolgt, bliebt abzuwarten.

Der Doyen der katholischen Kirchengeschichte, Arnold Angenendt, komprimiert seine an prominenter Stelle bereits ausführlich publizierte Neubewertung der Hexenprozessthematik in bekannt konziser und analytisch überzeugender Art und Weise. Dass hier die entsprechenden Teile seines bereits als Klassiker anzusehenden Opus Toleranz und Gewalt mitabgedruckt worden sind, spricht für das im Moment in der Wissenschaft allseits akzeptierte Fazit zu diesem Themenfeld. Auch Angenendt folgt der Buchsystematik und elementarisiert sein Thema in für die vom Herausgeber intendierten Arbeitszusammenhänge in sehr hilfreicher Kürzung.

Der Herausgeber selbst widmet sich der sozialen Frage im 19. Jahrhundert. Aufgehängt am Aufstand der Weber zeigt Harry Noormann die systematische Pauperisierung durch die industrielle Revolution und die Reaktion des Katholizismus auf die (sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Arbeiterbewegung) Forderungen, die sich in der Vereinsprägung des katholischen Milieus bis zu den kirchenoffiziellen Verlautbarungen zeigt. In der Frage der Menschenrechte gewinnt er seinen roten Faden und spinnt ihn bis in die Diskussionen der Gegenwart um vorstaatliche Gewährung und Garantieleistung. Dabei stellt er den Beitrag der Kirche(n) zur Menschenrechtsfrage deutlich heraus, wenn er Analogie und Differenz klar benennt und auch Förderung und Versagen nicht verschweigt. Dass gerade hier eine Spannung besteht, die sich in der weiteren Geschichte immer wieder zeigt, nehmen andere Autoren des Arbeitsbuches in ihrer Schwerpunktsetzung immer wieder auf. Insofern ist hier ein Kristallisationspunkt der gesamten Publikation zu verorten.

Thomas Breuer „Christen und Nazis“ wählt biografische Zugänge zur Entfaltung der Thematik. Sie rahmen die Zusammenfassung ein, die einen Schwerpunkt in der Frühphase der Auseinandersetzung zwischen Kirchen und NS setzt. Dass dabei der Zugang über die Sopade-Berichte zur Lage in Deutschland gewählt ist, lässt die Frage nach den Potenzialen einer möglichen öffentlichen Kritik seitens der Kirchen gegen das Regime in neuem Licht erscheinen. Das diesbezüglich bewertete Quellenmaterial der Auslandsberichte der Exil-SPD jedenfalls bewerten das Widerstandspotenzial des katholischen Milieus (und evangelischen) als sehr positiv und sehen hohe Einflussmöglichkeiten. Ob von einem Versagen der Kirchenleitungen gesprochen werden muss, weil dieses Potenzial nicht genutzt/anders genutzt wurde, bleibt in der Diskussion. Abschließend werden mutige Frauen in ihrem Widerstehen gegen das Regime vorgestellt – ein erst in den letzten Jahren neu entdecktes Thema. Aus religionspädagogischer Sicht eröffnen sich hier Anknüpfungspunkte für eine biografische Erschließung des Themas.

Ursula Rudnick „Im Schatten der Schoa – Evangelisches Christentum und Judentum in Deutschland nach 1945“ geht einem schwierigen Thema auf den Grund. Schwierig deshalb, weil der christlich-jüdische Dialog überlagert ist von Traditionen, Schuldverstrickungen und Spuren einer Rechtfertigungstheologie auf beiden Seiten, die historisch-politische Entwicklungen (offenbarungs-) theologisch als Wille Gottes zu begründen versucht(e). Sie kann an verschiedenen Stellen des mühsamen Annäherungsprozesses nach 1945 nachweisen, wo welche Mechanismen gegriffen haben. In ihrem Resümee zitiert sie Rolf Rendtdorff, der als Basis eines gelingenden Dialogs die Begründungslogik der Existenz umdreht und fordert, das sich das Christentum (im Zitat: „die Kirche“) angesichts des Weiterbestands Israels zu begründen habe, „ohne dabei mit den biblisch
begründeten, unverändert gültigen Aussagen über Israel in Konflikt zu geraten“.

Gert Rüppells diskutiert in seinem Beitrag zu „Brot für die Welt – Entwicklung in ökumenischer Perspektive“ Folgen der Globalisierung mit den wirklichen Lebensbedürfnissen vor Ort in den sogenannten Entwicklungsländern. Dabei kommen sowohl politisch-theologische als auch sozial-ökonomische Aspekte mit in Betracht. Er stützt sich dabei auf die entscheidenden Dokumente beider Kirchen und auch politischer Organisationen zum Thema Entwicklung und (Verteilungs-) Gerechtigkeit, vor allem in strukturell-bedingter Fragestellung. Befreiungstheologische Bezüge bilden nicht den Schwerpunkt, dieser liegt auf der konkreten Arbeit der kirchlichen Hilfsorganisationen und deren (kircheninternen?) Legitimation.

„Die Mauer“, von Aribert Rothe bildet das Schlusskapitel des zweiten Bandes des Arbeitsbuches Religion und Geschichte. Rothe wählt einen etwas anderen Zugang zum Thema. Ihm geht es „um Binnenansichten von Betroffenen und Opfern einer `Heilsdiktatur´, deren eigene Logik und Prinzipien zwanghaft ins Unheil führten.“ So der Herausgeber Harry Noormann in seinem Vorwort zum Arbeitsbuch. Er zeichnet dabei nach, wie Spielräume für die Kirchen entstehen konnten und wie diese genutzt worden sind – trotz massiver staatlicher Observation und Einflussnahme. Er kann darüber hinaus nachweisen, wie in diesen Spielräumen die entscheiden Impulse für die friedliche Revolution in der DDR entstehen konnten.

Das vorliegende Arbeitsbuch bietet konzise und fokussierte Beiträge zu einschlägigen kirchenhistorischen Epochen und Entwicklungen. Es eignet sich für die konkrete Arbeit mit diesen Themen, weil über den systematischen Aufbau der Kapitel religionspädagogische Zugänge erleichtert sind. Sicherlich ist zu den Einzelthemen weitere Literatur hinzuzuziehen, vor allem dann, wenn die spezifische Fokussierung der Artikel erkannt und für Lernprozesse genutzt werden soll. Als Überblick ist es aber bestens geeignet.

 

Frank Wenzel