Kirche im Stadtteil

Buchvorstellung - 05.02.2012

Franz Meurer / Peter Otten
Wenn nicht hier, wo sonst?
Kirche gründlich anders

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010
192 Seiten, € 14,99
ISBN: 978‐3‐579‐06560‐1

Diese Randbemerkung des Rezensenten vorab: So ganz unbefangen gehe ich an die Besprechung dieses Titels nicht heran. Erstens habe ich ihn durch die Brille eines „Altidealisten“ gelesen: In den Sommerferien 1969, ein Jahr vor meinem Abitur bzw. Studienbeginn, absolvierte ich ein dreiwöchiges Praktikum in der damals im Aufbau befindlichen St.‐Franziskus‐Gemeinde Dortmund‐ Scharnhorst.

Diese war vom damaligen Paderborner Erzbischof Kardinal Jaeger drei jungen Franziskanerpatres (Weihejahrgang 1962, u. a. Werenfried Wessel) anvertraut worden, die sich erst im Vorjahr (also 1968) inmitten der rasant wachsenden Großraumsiedlung auf einer Etage eines zehnstöckigen Hauses eingemietet hatten und von dort aus Gemeinde aufzubauen versuchten: mit vielen persönlichen Nachbarschaftskontakten und ‐hilfen, etlichen sozialen Aktionen und sehr einladenden, lebendigen Gottesdiensten in einem zunächst provisorischen Kirchenpavillon, aber stets „vollen Haus“. Ihr Motto: „Wer mitmacht, erlebt Gemeinde.“ Sie hatten vieles von dem, was man heute unter „Sozialpastoral“ oder „lebensweltorientierter Seelsorge“ versteht. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. – Zweitens habe ich den Titel durch die Brille eines „Schon‐HöVi‐Kenners“ gelesen: Drei Jahre vor Erscheinen des Buches lernte ich (im Rahmen eines „Betriebsausfluges“ meines vormaligen Arbeitgebers, der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle [KSA] Hamm) Autor Pfarrer Meurer und seine Gemeinde „vor Ort“ kennen und schätzen. – Drittens habe ich mir vorgenommen, diesen Titel besonders gründlich zu rezensieren, weil am 1. Oktober 2011, also kurz nach Erscheinen dieser Magazinausgabe, Autor Pfarrer Meurer sein 60. Lebensjahr vollendet und dies eine Art kleines Geburtstagspräsent werden soll.

„Wir wollen Kirche im Viertel sein, Teil der Lebenswelt der Menschen“ (13), schließt Mitautor Franz Meurer sein Vorwort unter dem Titel „Kirche für die Menschen“ ab und bringt damit sein (und das seines Co‐Autors bzw. Gemeinde‐Mitarbeiters Peter Otten) Grundanliegen auf den Punkt. Meurer wie Otten lösen mit ihren elf bzw. 14 einander ergänzenden Einzelbeiträgen ihr hier entfaltetes Prinzip des Mit- und Füreinanders überzeugend ein. Man könnte sie auch als die „Elf Gebote“ christlichen Gemeindeaufbaus bezeichnen oder, wie es im Covertext formuliert wird, als „Leitmotive einer heutigen christlichen Existenz“. HöVi, HöVi‐Land: Das ist der Ort von Kirche und Gemeinde, die hier konkret beschrieben und entfaltet wird, wo sich Kirche „inkarniert“ – Stadtteil im rechtsrheinischen Stadtbezirk Köln‐ Kalk, der oftmals als „Ghetto“, Unterschichtsmilieu, Problemgebiet oder benachteiligtes Wohngebiet charakterisiert wird. Von den dort lebenden etwa 23.300 Menschen ist ein Drittel katholisch, knapp 13 % sind evangelisch und ca. 15 % muslimisch. 51,4 % der Bewohner und 76 % der Kinder haben Migrationshintergrund, 40 % der Gesamtbevölkerung sind Hartz‐IV‐Empfänger, die Arbeitslosenquote beträgt ca. 25 % – wie die Autoren sagen: „strukturschwaches Viertel, strukturschwache Menschen“ (20).

Hier bauen die Autoren, Pfarrer und Pastoralreferent, „Kirche im Viertel“ auf: mit ungezählten an den Bedürfnissen der Leute im Viertel orientierten Projekten, Initiativen und Engagements, mit zupackenden Teams und umsichtigen Ehrenamtlichen aus der Gemeinde für die Gemeinde, ökumenisch (im besten Sinne!) und darüber hinaus. Ihre Prinzipien heißen „Gastfreundschaft“ (26 ff.) und „Unentgeltlichkeit“ (125 ff.), „Inklusion statt Exklusion“ (189), Teilhabe und Teilhaben‐Lassen an der „Macht“ (139 ff.) und am „Glanz“ (37). Ihr Ziel ist Kirche als ein „Haus für Gleiche“ (87), ihr Gemeindekonzept „das Wir‐Gefühl“ (48) aus Geschwisterlichkeit (58 ff.) und Barmherzigkeit (155 ff.). Und die Grundlage fürs persönliche Engagement sind ganz einfach „die vier Ms: Man muss Menschen mögen“ (49). Eindrucksvoll konkret beschreiben die Autoren, wie ihre Kirchengemeinde ihr Leben in Richtung Diakonie (Caritas), Liturgie, Koinonie und Martyrie entfaltet (35 ff.) bzw. ihre oben erwähnten Ideale umsetzt: „In unserer Kirche ist diese Basis des Christlichen im Wortsinn erfahrbar. Das gesamte Basement – so nennen wir den Keller mit dem passenderen Wort – von etwa 800 Quadratmetern ist der Ort der Diakonie. Mit Kleiderkammer, Kindersachenabteilung, Werkstätten, Lebensmittelausgabe, Lager für Fahrräder, Kinderwagen, Kommunionkleider (jedes Kommunionkind bekommt eines geschenkt)“ (35). Geschenkt wie so vieles andere – „umsonst“: Die Bewirtung der Gäste im Kirchencafé nach dem Gottesdienst wie jede noch so spontane Hilfe, wenn’s irgendwo fehlt: Und wo das ist, stellt tagein, tagaus ein ganzes Netzwerk aufmerksamer ehrenamtlicher Mitarbeiter im „Viertel“ fest – aus der Überzeugung von der „Gastfreundschaft“, die „sieht, was der andere braucht“ (32) und „Platz für den anderen schafft“ (34), denn „Leben ist geschenkt“ (67).

Da wirkt es umso überzeugender, wenn es heißt: „Die Liturgie ist der Mittelpunkt des Gemeindelebens. Die Messe ist ja ein Heiliges Gastmahl und die Feier von Gottes Gastfreundschaft. Christus schenkt sich selbst zur Speise im Brot des Lebens. Er ist Gabe und Geber zugleich. Er lädt ein“ (36). Wenn der Fuldaer Pastoraltheologe Prof. Richard Hartmann bei seinem Hauptvortrag bei der Tagung von Offizialat und Caritas Vechta in Cloppenburg‐Stapelfeld am 6.9.2011 es als Herausforderung bezeichnet hat, neu zu verstehen, dass Caritas und Pastoral „nur miteinander ganz sind“, dann darf man dieses „Verstehen“ den Autoren getrost bescheinigen. Es wären nicht Meurer und Otten, wenn sie nicht abschließend katholisch‐weit über den Tellerrand der eigenen Gemeinde, des eigenen Viertels, des eigenen „Bedarfes“ hinausdenken und handeln würden: nicht nur mit zahlreichen Tipps fürs eigene Engagement im eigenen Umkreis, sondern auch mit viel Perspektive für sozialpolitisches Engagement im Sinne von „Weltverbesserung“ (188) zu Gunsten einer demokratischen Kultur – und im Sinne des christlichen Subsidiaritätsprinzips. Ihr Plädoyer für das „konkrete Engagement [ist] im letzten keine Frage der Moral, sondern der Ästhetik! Es ist nicht nur gut, sondern auch schön, etwas für andere und mit anderen zu gestalten“ (172).

Man mag sich nach der Lektüre noch so oft fragen, ob das Beschriebene und Dargestellte denn alles so glatt, problemlos und ungestört abläuft und über die Bühne gegangen ist, wie es sich liest bzw. anhört; es klingt nach einer fast unglaublichen „Erfolgsstory“: nirgends ein Wort der Kritik etwa an widerständigen Kirchenleitungen oder staatlichen Behörden, keine Erwähnung von Meckerern, Motzern und ewigen Dagegen‐Seiern. Beredtes Schweigen? Oder sollte es das hier tatsächlich nicht gegeben haben? Man wird bei allem Hinterfragen kaum etwas finden. Etwaige Ungereimtheiten hätten gewiss längst Negativschlagzeilen gemacht. Dass es sich hier nicht um einen idealisierenden „Gesamtbericht“ (unter Ausblendung alles Unangenehmen) handelt, darf man den Autoren bei der durchgehenden Glaubwürdigkeit ihres Engagements sicher ohnehin unterstellen. Doch der Einblick in die ganz reale Wirklichkeit ihrer Gemeinde bringt nichts anderes als nur Bestätigung, mag man Derartiges heutzutage andernorts auch kaum noch antreffen. Glaubwürdig, weil so konsequent ehrlich und prinzipienfest

Und da fällt es leicht, dem Buchtitel zuzustimmen und ihn automatisch selber „fortzuspinnen“ mit einem „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Warum wird die hier so beschriebene Kirche als so „gründlich anders“ (Untertitel) empfunden bzw. dargestellt, wenn sie doch so sehr dem Original der Urkirche ähnelt? Weil sie sich so sehr von der heutigen „Normalpfarrei“ mit ihren „Üblichkeiten“ unterscheidet oder die hiermit gesetzten Maßstäbe mit einer Nur‐zwei‐Mann‐Besetzung so unerreichbar erscheinen? Oder weil das Ganze als ein nicht wiederholbarer Sonderfall von Seelsorgern mit Sozialcharisma und „Händchen fürs Handfeste“ eben „gründlich anders“ bewertet werden muss? Eher nein, weil von Grund auf so wesentlich, weil so eigentlich. Man kann dieses „Gemeindemodell“ gewiss nicht auf jede Pfarrei mit ähnlichen sozialen Voraussetzungen übertragen, jedoch ihre oben hervorgehobenen Prinzipien. Deshalb sei jedem Ausbilder und Auszubildenden für seelsorgliche Berufe nicht nur die Lektüre dieses Titels sehr empfohlen, sondern nach Möglichkeit auch ein Praktikum in dieser „real existierenden Pfarrgemeinde“ gegönnt!

Nachtrag eins: Zur Sprache der Autoren – so gut allgemeinverständlich hätte man es als Leser gern immer. Der Erzählstil (13) ist vielleicht ein Positivbeispiel für eine Art narrativer Pastoraltheologie. Dass hier sozialwissenschaftliche wie theologische „Fachdenke“ eingeflossen sind, merkt man bei genauerem Hinsehen allemal. Aber wie unaufdringlich und selbstverständlich das in den Text einfließt, zeugt genauso von deren integrativem Denken wie ihrer Fähigkeit, ihre zentralen Inhalte mit bekannten Schlagerzitaten auf den Punkt zu bringen bzw. zu übersetzen (4 f.), also auch in andere Sprachbilder als die allgemein üblichen einzutauchen. Nachtrag zwei: Dieser Buchtitel ist jünger, als man denkt. Nicht nur wegen der jugendlichen Frische seines Inhalts. Während der Verlag im Copyright sein Erscheinen mit der 1. Auflage für 2010 angibt, war er de facto erst am 21.03.2011 der Öffentlichkeit vorgestellt worden und vom Verlag als „ab Mitte März lieferbar“ angekündigt worden – viele Verlage handhaben das ja umgekehrt, um möglichst aktuell zu erscheinen

Hans Arnold Ruh


Quelle: εύangel, Heft 3/2011


(BW)