Franziskus und die Franziskaner - Gründer und Gründung

Buchvorstellung - 25.07.2012

Niklaus Kuster
Franz und Klara von Assisi
Eine Doppelbiografie

Ostfildern: Matthias-Grünewald-Verlag. 2011
240 Seiten m. Abb., 19,90 €
ISBN 978-3-7867-2801-6

Zwei faszinierende Lebensgeschichten werden von dem Schweizer Kapuziner Niklaus Kuster parallel erzählt. Den bekannteren Ereignissen aus dem Leben des hl. Franziskus von Assisi wird das Ringen der Adeligen Klara Favarone um ihren Weg der Nachfolge Jesu zur Seite gestellt.

Kuster kann von vielen Vorarbeiten profitieren, unter anderem von den erst in den letzten Jahren auf Deutsch erarbeiteten und edierten Quellenschriften zu den beiden Heiligen. Der Blick des Historikers wird durch einen literarischen Kunstgriff ergänzt: Ein Verwandter Klaras, Bruder Rufino, erzählt gewissermaßen aus der Zeitzeugenperspekive wichtige Ereignisse und rückt historische Interpretationen zurecht.

Kuster versteht es, den Leser in das Ringen von Franziskus und Klara um den Weg der Armut in der Kirche hineinzuziehen. In einer selbstbewussten und aufstrebenden Adels- und Bürgerstadt entdeckt Franz die Schattenseiten und bricht mit seinem bisherigen Leben. Dieser radikale Seitenwechsel bringt auch die junge Klara dazu, aus ihrem behüteten Leben auszubrechen. Das Wachstum der franziskanischen Bewegung vollzieht sich in engem Anschluss an die kirchlichen Autoritäten, die freilich ihrerseits eine Domestizierung des Charismas zu erreichen suchen. Die „vita apostolica“ führt zu zwei Wegen, für die Brüder zu der gemischten Lebensform zwischen temporärem Einsiedlerdasein und Wanderpredigerexistenz, für die Schwestern zu ausschließlich klösterlichem Dasein.

Kuster beschreibt die Spannungen, die sich bereits zu Lebzeiten des Franziskus zwischen der charismatischen Gründergestalt und den Notwendigkeiten zur inneren und äußeren Strukturierung einer wachsenden Gemeinschaft ergaben. Er akzentuiert dabei die Bedeutung der spirituellen Grunderfahrungen in Portiunkula und San Damiano, ausgedrückt im Kreuz von San Damiano und in den beiden zusammengehörigen Regeln sowie dem Testament des Franziskus. Gleichzeitig schildert er die bewegte Geschichte der Jahrzehnte nach dem Tod des Franziskus, das Ringen um die Gültigkeit seines Testaments und die Entwicklung zu einem Orden, in dem Priester eine zunehmend wichtigere Stellung einnahmen und der sich in der Tätigkeit dem zeitgleich entstandenen Predigerorden (Dominikaner) durch die Schwerpunkte auf Predigt, Seelsorge und Wissenschaft anglich. Die Zerreißproben betrafen in noch stärkerem Maß die Frauen um Klara. Kuster kann hier auf die Erkenntnisse aus neueren Forschungen zurückgreifen, wenn er das Ringen der Schwestern von San Damiano beschreibt, nicht auf die Klausur reduziert zu werden. Doch hier zeigen sich ähnliche Entwicklungen auf Seiten der Männer und Frauen.

Das Charisma der beiden Gründerpersönlichkeiten, des heiligen Franziskus und der heiligen Klara, bedurfte und bedarf im Lauf der Jahrhunderte ständig neuer Aktualisierungen und Reformen. Eine Erkenntnis unserer Tage ist jedoch die, dass Franziskus und Klara sich gegenseitig bereicherten und das franziskanische Charisma in seiner Fülle nicht ohne den weiblichen Beitrag und umgekehrt ausstrahlen kann. Beide ergänzen sich „in ihren Biografien, die konträr erscheinen und die doch innerlich kraftvoll und zärtlich zusammenspielen“. Wer einen Zugang zu den beiden Heiligen aus Assisi bekommen will, findet bei Niklaus Kuster kompetente und spirituelle Antworten.

Joachim Schmiedl


Quelle: Eulenfisch Literatur 5 (2012), Heft 1, S. 16f.