Christologie im Religionsunterricht

Buchvorstellung - 15.04.2012

Kraft, Friedhelm/ Roose, Hanna
Von Jesus Christus reden im Religionsunterricht.
Christologie als Abenteuer entdecken

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011
191 Seiten, 17.95€
ISBN 978-3-525-70204-8

Die beiden evangelischen TheologenInnen Friedhelm Kraft und Hanna Roose machen Mut, das Thema Christologie im Religionsunterricht unter neuen Perspektiven zu betrachten. Sie ermutigen vor allem dazu, im Religionsunterricht Christologie mit Schülerinnen und Schülern zu treiben, was bedeutet, auch in der Schule nach Deutungsmustern im Leben zu fragen, die die subjektiv erlebte Wirklichkeit erschließen helfen.

Dabei ist Ihnen die Grenzziehung zu katechetischen Arbeitsfeldern bewusst. Angeregt durch die Überlegungen Anton Buchers u.a., die in der universitären fachdidaktischen Diskussion unter „Kindertheologie“ verhandelt werden, vertreten Kraft/Roose einen stark subjektbezogenen Ansatz, der die Schülerinnen und Schülern als theologische Gesprächspartner ernst nimmt und ihre Antwortversuche unter theologischen Prämissen analysiert und als mögliche eigene konstruierte Theologien zum diskursiv zu verhandelnden Unterrichtsgegenstand nimmt. Die schulische Perspektive auf Jesus ist deshalb in einem existentiellen Kontext zu bestimmen und fokussiert sich in der Frage: „Wer ist Jesus für mich?“, nicht in der Frage: „Wer war Jesus von Nazareth?“. Kraft/Roose grenzen damit ihr Vorhaben von „jesulogischen“ Zugangsweisen ab, die Jesus vornehmlich im ethischen Kontext als vorbildlich Handelnden sehen und beschreiben. Solche Perspektiven sehen beide zuhauf in der schulischen Praxis des Religionsunterrichts und in den Lehrwerken und Unterrichtshilfen. Das kleine Buch bleibt aber nicht bei der Kritik stehen, sondern bietet „Hinweise und Unterrichtsideen“ zu ausgewählten Fragestellungen. Es entfaltet im letzten Kapitel je eine Unterrichtseinheit für die 4. und 10. Jahrgangsstufe mit didaktisch-methodischem Kommentar und ausgewähltem Material, die die zuvor entfalteten Grundsätze praxisrelevant werden lässt.

In seriöser Weise beginnen die beiden AutorInnen mit dem Nachweis christologisch-substantiellen Gehalten in den Gottesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen. Sie bemühen unterschiedliche aktuelle Untersuchungen, werten sie aus und resümieren eine prinzipielle Ansprechbarkeit der Schülerinnen und Schüler auf christologische Themen. Dabei knüpfen sie Bedingungen an das Lernsetting, wie z.B. Raum für spielerisches Ausprobieren von Formulierungen, aber auch Grundlagenwissen bei den Schülerinnen und Schülern und notwendiges differenziertes Sachwissen bei den Lehrkräften. Ohne diese Bedingungen sei es kaum möglich „Christologie als Abenteuer (zu, F.W.) entdecken“.
Das geforderte Grundwissen wird in Kapitel 4 umrissen und in konziser Weise vorgestellt. Es orientiert sich an sogenannten Brennpunkten christologischen Nachdenkens, die sich aus den empirischen Befunden herauskristallisiert haben: Sohn-Gottes-Titel, Gleichnisse und Ich-bin-Worte, Wundererzählungen, Gebet, Kreuz und Auserstehung. Jedem dieser Brennpunkte ist ein Unterkapitel gewidmet, das einen standardisierten Aufbau zeigt. Zunächst wird der empirische Befund erläutert. Dieser wird anschließend mit der Bibel, der Exegese und der Tradition in Beziehung gesetzt, ehe Hinweise auf Unterrichtsideen gegeben werden.
Der für den Praktiker zunächst überzeugende Aufbau leidet m.E. etwas unter der Kürze der unterrichtspraktischen Hilfestellungen, vor allem in der Wahrnehmung derjenigen, die gerade unter didaktischen Fragestellungen die Lektüre begonnen haben. Die exegetischen Hinweise sind knapp und präzise, der Abdruck der Bibelstellen ist überflüssig, stattdessen hätte dieser Raum sinnvoller für die Entfaltung der Unterrichtsideen verwendet werden können. Sie erschöpfen sich manchmal leider nur in Literaturhinweisen.

Was die entfalteten Unterrichtseinheiten (Kapitel 5) betrifft, so sind diese aus einer gemäßigt konstruktivistischen Perspektive auf Lernen entwickelt. Sie haben vor allem die curricularen Vorgaben aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen im Blick (Kapitel 3), spiegeln aber die Bedeutung von Kompetenzen und Standards in der gegenwärtigen Diskussion. In den Aufgabenstellungen und Impulssetzungen scheinen Ansätze von kompetenzorientiertem Religionsunterricht auf, vor allem in den diskursiven Unterrichtsphasen, wenn auch der Inhalts- und Wissensaneignung große Bedeutung zugemessen wird.

Das Buch ist für Religionslehrerinnen und Religionslehrer beider Konfessionen gut geeignet noch einmal neu und anders über die unterrichtliche Organisation eines Zuganges zu Jesus Christus nachzudenken. Der Perspektivwechsel auf die Schülerinnen und Schüler als mündige Subjekte im Ringen um eine altersangemessene Ausdrucksweise für theologische Kernaussagen trägt sicherlich zur Förderung religiöser Sprachfähigkeit und Deutekompetenz bei und vermag so den eigenen Unterricht sinnvoll weiter zu entwickeln.


Frank Wenzel