Jüdisches Leben in Frankfurt in der Nazizeit

Buchvorstellung - 26.06.2011

Lilo Günzler
Endlich reden

Frankfurt: Verlag Henrich Druck + Medien. 2009
228 Seiten 14,80 €
ISBN 978-3-921606-69-8

Der Titel von Lilo Günzlers Buch über ihre Kindheit im Dritten Reich in Frankfurt weist weit über diese Zeit hinaus und erzählt fast eine neue Geschichte. Lilo Günzler konnte aus inneren Gründen nach 1945 bis ins Jahr des Erscheinens des Buches 2009 über ihre Kindheit nicht reden, sie verstummte ob der damaligen Erlebnisse.
 

Lilo Günzler wurde 1933 als Halbjüdin in Frankfurt am Wollmarkt nahe des Domes geboren und auch im Dom getauft. Sie ging dort zur Erstkommunion und war dem Dom ihr Leben lang verbunden. Ihre Mutter war Jüdin, ihr Vater Arier, der schon im ersten Weltkrieg Soldat war. Zunächst verbrachte sie, wie nachzulesen, eine unaufgeregte Kindheit, bis sie eingeschult wurde und kurz danach die Ergebnisse der Reichskristallnacht auf ihrem Schulweg morgens vor ihren Augen liegen sah: Schutt und Asche der abgebrannten Synagoge am Börneplatz. Ab diesem Zeitpunkt, als ihre Mutter der kleinen Liselotte ihren „Status“ (Geltungsjude, Mischling 1. Grades) und den ihrer Familie in der Nazigesellschaft mitteilte, wusste sie von ihrer Bedrohung. Liselotte hatte noch einen älteren Bruder aus der Beziehung ihrer Mutter mit einem Juden vor ihrer Ehe mit ihrem Vater. Der Vater war nach dem ersten Weltkrieg bis tief in die dreißiger Jahre hinein arbeitslos, so dass ihre Mutter lange Jahre die Familie ernährte. Ein weiterer Einschnitt im Leben der kleinen Liselotte war ihr Umzug aus einem Arierhaus, in dem sie und die Familie sich sehr wohl fühlten, in das sogenannte Judenhaus, dem Haus des Amschel Mayer Rothschild, das als einziges vom ehemaligen Judenghetto übrig geblieben war. Ihr Halbbruder wurde der Familie entzogen und musste in ein jüdisches Kinderhaus in Sachsenhausen. Überlebt hat die Familie die Nazizeit trotz unmittelbarer Lebensbedrohung nur durch die starke Haltung des Vaters, der sich trotz starkem Druck von seiner jüdischen Frau nicht scheiden ließ und auch dem jüdischen Stiefsohn mit großer Solidarität zur Seite stand und mitten im Krieg noch ein weiteres Kind von seiner Frau bekam.

Lilo Günzlers Buch erzählt ihre und ihrer Familie Leiden und Nöte in der Nazizeit, die zunehmenden Eingriffe der Nazis in ihr Leben, die Ängste und Sorgen des Kindes, das sich ausgeschlossen und gedemütigt fühlte und ständig Angst um seine jüdische Mutter und seinen Halbbruder hatte. Es erzählt aber auch das Zusammenstehen der Familie und von den Lebens- und Arbeitsverhältnissen ihrer Eltern. Sehr intensiv spricht die Autorin von den Deportationen der jüdischen Bürger in Frankfurt und von den langen Bombennächten in Bunkern und Kellern Frankfurts und schließlich vom Untergang der berühmten Frankfurter Altstadt. Schließlich lässt die Autorin den Leser und die Leserin nicht im Unklaren, wie ihre Geschichte ausgegangen ist, wie man sich wiederfand und wer den Krieg und Flucht, Vertreibung und Konzentrationslager überlebt hat und warum Lilo Günzler dann doch noch zum Reden kam.
Die Autorin bedient sich einer einfachen Sprache. Vielleicht gerade deshalb ist das Buch emotional tiefgehend und der Rezensent will nicht verschweigen, dass manche Passagen ihn zu Tränen rührten. Die vielen Fotos des Buches geben eine Anschauung der handelnden Personen und der Orte der Handlung. Zwei Stadtpläne, einer aus der Vorkriegszeit, einer von heute, ermöglichen die Lokalisierung des Geschehens damals und heute.

Das Buch ist sorgfältig auf sehr gutem Papier gedruckt und gebunden. Man spürt auch den Respekt des Verlages vor der kleinen Frau, die vor kurzem ihren 77. Geburtstag feierte und gerne noch in Schulen über ihre Erlebnisse in der Nazizeit erzählt und mit Schülern spricht. Ihre Sprache ist auch für Schüler verständlich, fesselnd und nachvollziehbar. Das Buch ist das Zeugnis der jüdischen Kinder- und Familientragödie im 20. Jahrhunderts, aber auch ein Zeugnis des Glaubens und Hoffens eines Kindes in einer gottlosen Zeit.

August Heuser

Quelle: Eulenfisch Literatur 4 (2011), Heft 1, S. 24f.