Erschließung des Themas Wunder

Buchvorstellung - 04.06.2011

Manfred Köhnlein
Gleichnisse Jesu
Visionen einer besseren Welt

Stuttgart: Verlag Kohlhammer. 2009
288 Seiten 25,00 € ISBN
978-3-17-0209569-7

Gleichnisse und Wunder gehören zum Rückgrat schulischer Lehrpläne und sind gleichzeitig Angstgegner vieler Lehrender. Die Frage, ob Jesus tatsächlich über das Wasser gelaufen ist, wie die Brotvermehrung funktionierte oder ob das Gleichnis vom Sämann ein Aufruf ist, „guter Boden zu sein“, bringt nicht nur Religionslehrerinnen und Religionslehrer und Katechetinnen und Katecheten in Verlegenheit. Naturalistische, fundamentalistische und psychologisierende Antworten, die Wunder als gegeben hinnehmen, sind dabei jedoch ebenso „überholt“ wie die rein allegorische Auslegung von Gleichnissen, eine streng formgeschichtliche Behandlung oder die Aufspaltung in Sach- und Bildhälfte.
 

Hier hat sich in der Exegese in den letzten Jahrzehnten eine Menge bewegt, sodass neue Zugänge die ehemaligen Angstgegner zu spannenden Gesprächspartnern werden lassen können. Die Herausforderung, die Gleichnisse und Wundererzählungen darstellen, erfordern von allen, insbesondere wenn sie in Pastoral und Schule tätig sind, persönliche Auseinandersetzung und Positionierung.
Manfred Köhnleins „Gleichnisse Jesu“ und „Wunder Jesu“ stoßen in diese Lücke. In seinen Büchern bietet der emeritierte Professor der PH Schwäbisch Gmünd, dessen Arbeitsschwerpunkte auf der Erschließung biblischer Stoffe für Erwachsenenbildung und Religionsunterricht lagen, eine Summe seiner Lehr- und Forschungstätigkeit zu beiden Bereichen. Beide Bücher sind strukturell analog gestaltet: Nach einer kurzen exegetischen Einführung in die jeweilige Thematik erläutert Köhnlein 33 Gleichnisse und 23 Wundergeschichten und legt sie entlang der Lutherübersetzung aus. Jede Auslegung ist in sich geschlossen, Hintergrundwissen aus der Welt des Textes wird für jeden behandelten Text einzeln aufbereitet, sodass eine fortlaufende Lektüre nicht nötig ist.
Im direkten Vergleich ist das jüngere „Wunder Jesu“ etwas stärker als „Gleichnisse Jesu“, da es stringenter mit Köhnleins theologischem Entwurf zu Jesus arbeitet. Die Wunder Jesu werden als große Liebesgeschichten des Lebens Jesu ausgelegt. Dabei geht es gewöhnlich nicht um ein einziges, sondern um mehrere Wunder pro Geschichte: Oft erkennt Köhnlein die wahren Wunder in der gelungenen Kommunikation. Die praktische Bewerkstelligung der Wunder wird indes im biblischen Text nicht erzählt, wohl aber der desolate Zustand davor und die Wirkung danach. Beides macht Köhnlein sichtbar und nimmt so den Fokus von der Frage nach dem „Wunder an sich“, wodurch auch deutlich wird, wie begrenzt eine solche Perspektive ist. Dieser Ansatz führt zu beeindruckenden Auslegungen, wie beispielsweise der Überkreuzgeschichte von der Heilung der blutflüssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,21-43). Doch die Schönheit dieser Auslegung wird mehrfach gebrochen: einerseits durch eine entstehungsgeschichtliche Interpolation, die für die Auslegung nicht wichtig ist, und andererseits durch den Umstand, dass der Autor viele Leerstellen im Text füllt, ohne sie zuvor sichtbar zu machen und ohne unterschiedliche Möglichkeiten für den Umgang mit ihnen aufzuzeigen. Die Überkreuzgeschichte und ihre Botschaft, dass Jesus für alle da ist und keiner wie auch immer gearteten Beeinträchtigung unterliegt (zuerst der Einen zu helfen ist nicht zum Schaden der Anderen, wie sich angesichts Mk 5,35 zunächst vermuten ließe), funktioniert gerade auch mit ihren offenen Stellen. Warum kann hier nicht dem Leser, der Leserin die Auseinandersetzung mit der Frage überlassen werden, welchen zivilen Stand die blutflüssige Frau hat und ob aus ihrer Handlung Glaube oder Verzweiflung spricht?
Ähnliches gilt für das Gleichnisbuch: Auch hier werden theologisch starke und schöne Ansätze dargeboten, immer wieder aber auch gebrochen. So werden beispielsweise auch in der Exegese des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) viele Leerstellen des Textes vom Autor nicht ausgewiesen, bevor er sie mit seiner Auslegung schließt. Zudem scheint seine Auslegung auf die Argumentation des älteren Sohnes einzusteigen und die Reue des jüngeren Sohnes nicht ernst zu nehmen. Dass der Umgang mit der Reue jüngeren Sohns (echt oder nicht?) aber genau der archimedische Punkt für die Auslegung der Perikope ist, wird dadurch nicht ersichtlich.
Insgesamt handelt es sich bei den Büchern also weniger um exegetische Einführungsliteratur als um eine theologische Summe des Autors. Die Auslegung der Texte als „theologische Minidramen“ rührt oft mehr die personale Glaubensvorstellung an, weniger ermöglichen sie einen exegetischen oder bibeltheologischen Zugang. Bei vielen Texten spielen denn auch Aktualisierungen, Kommentierungen der Gegenwart und kirchliche Themen eine wichtige Rolle. Beide Bücher eignen sich daher gut als Impulse zur eigenen Auseinandersetzung, als Nachschlagewerke für einen raschen Überblick über die einzelnen Texte taugen sie aber nicht -dafür sind sie exegetisch und hermeneutisch nicht aktuell genug: In der Gleichnistheorie, aber auch beim Zugang zu Wundern (z. B. in der Dämonologie) hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Auch hat ein Umbruch in der Evangelienhermeneutik stattgefunden. Köhnleins Entwürfe markieren hier ein spätes Ringen historisch-kritischer Exegese mit textorientierten Zugängen: Unterschiedliche Text- und Leseebenen werden immer wieder unglücklich überblendet oder aus ihrer potentiellen Entstehungssituation heraus geklärt. Ansätze wie „Lukas, der Arzt, fand…“ markieren eine exegetische Arbeitsweise, die heute eher selten ist und zu Recht von einem genaueren Blick auf die Texte selbst und ihrem sozialgeschichtlichen Kontext abgelöst wurde. Das Verdienst bleibt, die persönliche Auseinandersetzung mit den Gleichnissen zu provozieren und den Blick von der Fokussierung auf die Wunder selbst wegzulenken, die im Text stets eine Lücke bleiben. Hier sind Köhnleins Ausführungen stark und ermöglichen einen frischen Blick, der Predigt, Katechese und Unterricht bereichern kann. Doch ist der konkrete Ablauf eines Wunders nicht das einzige Fragezeichen: Jeder biblische Text weist eine Fülle von Leerstellen auf. Genau hier liegt die Crux: Auch kleinere Lücken werden oft nicht adäquat sichtbar gemacht, sondern direkt vom Autor gefüllt. Das wird jedoch weder dem biblischen Text noch seinen Lesern gerecht und dürfte die, die es merken, zum Widerspruch reizen. Damit deutet sich jedoch auch eine äußerst spannende Möglichkeit des didaktischen Umgangs mit Gleichnissen und Wundererzählungen an: Gemeinsam zu erforschen, was da gerade nicht steht und zu überlegen, welche Einträge in den Text zu welcher Auslegung führen. Hier könnte ein dekonstruktivistischer Religionsunterricht zur Hochform auflaufen.

Sandra Hübenthal

Quelle: Eulenfisch Literatur 4 (2011), Heft 1, S. 7-9.