Frage nach der Bedeutung der Gewalt in der Religion

Buchvorstellung - 02.03.2009

Hans Waldenfels / Heinrich Oberreuter (Hg.)
Der Islam – Religion und Politik
(Politik- und Kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft; Bd. 23)

Paderborn u.a.: Verlag F. Schöningh. 2004
116 S., EURO 14.90
ISBN 3-506-71768-5

Auf dem Hintergrund der Untaten des 11. September 2001, als islamistische Terroristen Passagierflugzeuge in das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington jagten, befassten sich 2002 in Erfurt zwei Sektionen der Görres-Gesellschaft – die Sektion für Religionswissenschaft, Religionsgeschichte und Ethnologie (unter der Leitung von H. Waldenfels) und die Sektion für Politische Wissenschaft und Kommunikationswissenschaft (Leitung: H. Oberreuter) – mit dem Thema: Herausforderung Islam. Rahmenthema in der Religionswissenschaft war „Der Islam – Religion und Politik“.

Das Rahmenthema in der Politischen Wissenschaft stand unter der Überschrift „Sterben für den Glauben“. Letztlich ging es in beiden Sektionen um die brisante Frage nach der Bedeutung der Gewalt in der Religion. Ein Thema, was in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften in den nächsten Jahren obenan auf der Tagesordnung steht. Tatsache ist jedenfalls, dass in der islamischen Welt eine Politisierung des Islam eingetreten ist. Wie aber steht die Religion des Islam zu Frieden und zu Gerechtigkeit, zu Macht und zu Gewalt? Welche Bedeutung hatten und haben die Ausrufe von „Heiligen Kriegen“? Wie steht es um die Beachtung der Menschenrechte im Islam? Diese und weitere Fragen werden in dem vorliegenden Sammelband aufgegriffen und angegangen.

Mit seinen grundsätzlichen Überlegungen und Ausführungen der islamischen Religion zu Religion und Politik, zeigt Hans Waldenfels die Koordinaten auf, die in den folgenden Artikeln dann weiter vertieft und konkretisiert werden. Zu Recht weist H. Waldenfels darauf hin, dass das gegenwärtige Erscheinungsbild der islamischen Religion in der Welt vielgesichtig und vielschichtig ist und die Theologie und Religionswissenschaft ebenso herausfordert wie die Politologie, die Wirtschafts- und Kulturwissenschaften. Um den Islam in seiner Vielgestaltigkeit zu verstehen, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar. Hans Maier geht in seinem Beitrag der Frage nach der Gewalt in den monotheistischen Religionen nach, wobei der Schwerpunkt seiner Ausführungen dem Islam gewidmet ist. Rotraud Wielandt – ausgewiesene Islamwissenschaftlerin –, die sich in ihren Forschungsarbeiten eingehend mit dem Islam in der Moderne befasst hat, behandelt aus den Quellen (Koran, Hadith und Scharia) heraus das islamische „Dschihad“. Die hier getätigten ergebnisorientierten Ausführungen sind grundlegend für das Dschihad-Verständnis und der Beurteilung des Islam in der Einstellung zu Frieden und Gewalt in der Vergangenheit und der Gegenwart. Von den Kriegen, die im Namen der Religion geführt werden bis hin zu den Gebetstreffen für den Frieden in der Welt, handelt der Artikel von Horst Bürkle. „Sterben für den Glauben. Motive und Gedankenwelt militanter Gotteskrieger“ ist der Beitrag von Adel Th. Khoury überschrieben, in dem er, in differenzierter Sicht, die einschlägigen Aussagen des Korans und der Tradition auf die „Gotteskrieger“ hin befragt, die religiös-politischen Anliegen nachzeichnet und die Konsequenzen bedenkt, die die militanten Muslime – die, so A. Th. Khoury, den Islam für ihre Zwecke ge- und missbrauchen – daraus ziehen. Erinnert Wolfgang Kluxen in seinem Artikel an die Rolle der mittelalterlichen Philosophie, die wesentlich geprägt war durch islamische Gelehrte, stellt Heiner Bielefeldt die unabgeschlossene Diskussion um die Menschenrechte im Islam vor. Im Ergebnis ist festzuhalten, dass es islamspezifische Menschenrechtsprobleme gibt. Sie ergeben sich aus der Spannung zwischen dem klassischen islamischen Recht und dem Anspruch moderner Menschenrechte. Man darf darauf gespannt sein, welchen Verlauf künftig die innerislamische Diskussion um die Menschenrechte nehmen wird und welche Argumente und politischen Kräfte sich durchsetzen werden. In der Bundesrepublik Deutschland ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Muslime leben mit uns und unter uns. Am 20. Februar 2002 legte der „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ der Öffentlichkeit eine Islamische Charta vor, die eine Grundsatzerklärung der Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft darstellen soll. Thomas Lemmen nimmt diese Dokumentation, ihre (vermeintliche) Verbindlichkeit für die Muslime und den anderen islamischen Organisationen wie die Adaption in den Kirchen, in Staat und Gesellschaft kritisch in den Blick. Hilfreich ist im Artikel von Th. Lemmen – sei es im Text, sei es in den Anmerkungen – eine ausführliche Darstellung der islamischen Spitzenorganisationen in Deutschland.

Mit den lesenswerten und fundierten Beiträgen liegt hier ein Buch vor, das mit seinen ausgezeichneten Hintergrundinformationen in der Unterrichtsvorbereitung eine wertvolle Hilfe leistet in dem nicht einfachen Geflecht von Religion und Politik in der Welt des Islam.

Günter Riße

Quelle: Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bistum Limburg 33 (2004), Heft 4, S. 272f.