Michael Cook
Der Koran
Eine kurze Einführung (UB 18232)
Stuttgart: Verlag Ph. Reclam jun. 2002
199 S. m. 21 Abb. und 1 Karte. EURO 5.10
ISBN 3-15-018232-6
Kürzlich kam mir der Titel unter: The Complete Idiot’s Guide to Understanding Islam. Ein wunderbares Büchlein! Und es ist als Kompliment gedacht, wenn der hier zu besprechende Titel in diese Literaturgattung eingeordnet wird.
Die häufigste Frage, die an den Koran bzw. an Muslime im Zusammenhang mit ihrem heiligen Buch gerichtet wird, betrifft die Unverfälschlichkeit. Michael Cook antwortet darauf mit einem einleuchtenden Beispiel: „Wenn jemand zu uns sagt: ‘Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinaus’, so können wir sofort widersprechen, das sei falsch.“ In einem ziemlich banalen Sinn kann jeder Text Anspruch auf eine gewisse Autorität erheben: So und nicht anders lautet das Kinderlied. So und nicht anders hatten die Genossen des Propheten des Islam den Korantext gehört!
Der Autor will den Leser anfangs jedoch nicht mit der Überlieferungsgeschichte des Korans quälen, sondern führt ihn in das Koranverständnis der zeitgenössischen Muslime ein. Dabei ist besonders spannend, dass er sich nicht von den Themen leiten lässt, die mit Koranexegese landläufig in Verbindung gebracht werden, z. B. Rechts- und Gerichtsvorstellungen. Er befragt hingegen die Exegese nach ihren Ergebnissen zu den drängenden Fragen im Kulturaustausch zwischen westlich-nichtislamischer und islamischer Welt. Die Versöhnung der koranischen Aussagen mit dem westlichen Wissenschaftsverständnis z. B. gelingt manchen Exegeten, wie Muhammad Abduh und Rashid Rida, weitgehend schmerzlos. Andere empfinden die Anpassung und Verbeugung vor der Moderne als Schmach und Entwürdigung ihres heiligen Wortes. Und wie steht es um die Deutung des sog. Schwertverses, K 9,5, der von der Tötung der Ungläubigen im Sinne der Beigeseller spricht? Wird er durch den Tributvers abgeschwächt, der die Abgabe der Schutzbefohlenen fordert, oder fallen diese unter den Vers, der keinen Zwang in religiöse Angelegenheiten duldet? Auch darin sind sich die Exegeten so wenig einig wie im kritischen Disput um die Gleichstellung der Geschlechter. Wir gewinnen heutzutage, da die Fundamentalisten größeren Einfluss nehmen, einen einseitigen Eindruck vom koranischen Konzept. Heute wird der Abu Zaid zum Exil genötigt, wenn er das Verständnis des Textes in den Kontext der Kultur der Offenbarungszeit stellt. Auch darüber räsoniert Michael Cook.
Wenn wir das Lied vom kleinen Hänschen falsch singen, hat das keine Folgen für die Rechtsprechung. Der Koran nimmt aber nicht nur die Position eines liturgischen Gesanges ein, sondern auch des Kodex mit dem Anspruch der Glaubensgewissheit als wahre Übermittlung des Willens Gottes mit Autorität für jede historische Situation, auch für unsere Zeit. Als sich der Autor unserer Einführung fragt, ob der Koran diesem doppelten Anspruch gerecht wird bzw. dafür gerüstet ist, vergleicht er ihn auch mit heiligen Schriften anderer Religionen und Kulturen. In diesen Vergleichen stellt sich der Koran als kompakt und mit klar umrissenem Inhalt dar. Das bedeutet, dass die Sichtung zu kanonisch abgedeckten Themen leicht fällt. Zudem ist der Koran das jüngste kanonisierte heilige Buch mit globaler Bedeutung. Deshalb ist er den modernen Fragestellungen am nächsten. Der Koran ist im Vergleich zu allen anderen heiligen Schriften das am entschiedenste behauptete Wort Gottes, er ist eine Ikone. Wirkt der Ruf des Islam, auf den Rechten Weg zu führen, während alle anderen Wege in die Irre führen, angesichts dieser Befunde noch verblüffend?
Barbara Huber-Rudolf
Quelle: Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bistum Limburg 33 (2004), Heft 4, S. 268.