Journalistischer Blick auf Jesus Christus

Buchvorstellung - 13.03.2011

Peter Seewald
Jesus Christus
Die Biografie

München: Pattloch Verlag. 2009
704 Seiten, 24,95 Euro
ISBN 978-3-629-02192-2

Im Grunde ist dieses Buch wie all die anderen meist journalistischen Bücher über Jesus, die entweder Enthüllungen von bisher (natürlich durch die Kirche) unterdrückten Geheimnissen und spektakuläre neue Einsichten über Jesus darlegen, oder die den Anspruch haben zu zeigen, wer dieser Jesus eigentlich war und was er wirklich wollte. Es besteht wie sie aus einem bunten Gemisch aus Erzählungen über die eigene Entdeckertätigkeit, Erläuterungen zu Texten aus den Evangelien und metaphysischen Gedanken.

Mit dem einen wichtigen Unterschied: All die anderen Bücher dieses Genres schreiben gegen die Kirche und gegen den christlichen Glauben, Peter Seewald streitet in seinem Buch, und das durchaus ernsthaft, für den Glauben. Das muss man ihm zugute halten! Leider ist damit jedoch alles Positive bereits gesagt! Warum? Weil Seewald von der falschen Voraussetzung ausgeht, die Wahrheit des Glaubens an Jesus, dem Sohn Gottes, damit beweisen zu können, dass er das, was die Evangelien vom Leben Jesu erzählen, als historische Tatsachen verteidigt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich enthalten die Evangelien historisch zuverlässige Aussagen über und von Jesus – aber diese müssen erst durch die historische Rückfrage erschlossen werden, und es ist beileibe nicht alles, was die Evangelien erzählen.

Seewald meint indes, dass durch diese „Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung über die historische Genauigkeit des Evangeliums“ Jesus „Stück für Stück seziert“ wurde, weshalb er im Grunde alles als historische Tatsache ansieht. Das aber ist unmöglich, da die vier Evangelien des NT, obwohl sie im Grundzeugnis des Glaubens einig sind, sich gerade im Blick auf das Historische oft genug widersprechen. Nicht umsonst spricht Seewald deshalb häufig nur von dem Evangelium, da seine Sicht diese widersprüchliche Vielgestaltigkeit ausblenden muss. Ein Beispiel: Beim Kapitel über die Geburt schließt sich Seewald dem Lukasevangelium an, das davon ausgeht, dass Maria und Josef in Nazaret wohnen und nach Betlehem gehen (Lk 2,1-7) – ausgeblendet wird, dass sie nach Mt 2,22-23 wohl aus Betlehem stammen und sich erst nach ihrem ägyptischen Exil als Notlösung in Nazaret niedergelassen haben; ebenso muss unerwähnt bleiben, dass diese Flucht nach Ägypten bei Mt völlig der lukanischen Darstellung, dass die heilige Familie nach der Geburt Jesu unmittelbar über Jerusalem nach Nazaret zurückgezogen sei (Lk 2,39), widerspricht. Welches Evangelium bietet hier die historisch richtige Darstellung? Und warum folgt Seewald Lukas und nicht Matthäus? Angesprochen wird das Problem freilich nicht, denn wäre es einmal in den Blick gekommen, wäre wohl das ganze Buch nicht entstanden, das sogar noch genauer als die Evangelien selbst anzugeben weiß, wo und wann die einzelnen Stationen im Leben Jesu sich ereignet haben: Die Taufe – „Am Jordan, Januar 28“; die Versuchung – „Wüste von Judäa, Februar 28“; die Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt – „Berg der Seligpreisungen, Februar 29, vormittags“, lauten einige Beispiele aus Kapitelüberschriften.

Hätte Seewald sein Buch als eine Art Pilgerbericht geschrieben, wie er sich auf den Spuren Jesu im Heiligen Land das Leben Jesu auf dem Hintergrund der Evangelien vorstellt, wäre das als Zeugnis eines persönlichen Glaubens berechtigt und in Ordnung, nicht aber als eine historische Biografie, die sich auch noch absolut „Die Biografie“ nennt. Erschwerend kommt hinzu, dass es neben diesem Grundübel eine derartige Masse von schwerwiegenden inhaltlichen Fehlern gibt, dass es einem die Sprache verschlägt. Auch hier nur einige Beispiele: Wenn Seewald im Blick auf Josefs Überlegungen, Maria heimlich zu entlassen (Mt 1,19), sagt, dass „nach jüdischem Gesetz (…) Beischlaf vor der Hochzeit als Unzucht“ galt, ist das zwar grundsätzlich richtig, nur in diesem Zusammenhang völlig falsch, da beide bereits verlobt waren, also rechtlich bereits als Verheiratete galten. Einen „2. Brief an die Epheser“ gibt es nicht. Ebenso wenig gab es die Masoreten bereits zur Zeit Jesu, sondern erst im Mittelalter, und die Logienquelle Q versucht, die über Markus hinausgehenden Übereinstimmungen zwischen Lukas und Matthäus, und eben nicht die zwischen Lukas und Markus zu erklären. Von derartigen Fehlern gespickt hangelt sich das Buch nach einen Vorwort in 33 Kapiteln am Leben Jesu entlang; die Auferstehung ist einem Epilog vorbehalten, dem sich ein Dossier über Einleitungsfragen der Evangelien, eine Deutung des Vaterunser und eine Bibliografie anschließen.

Sebastian Schneider

Quelle: Eulenfisch Literatur 3 (2010), Heft 2, S. 11f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]