Gerhard Lohfink
Beten schenkt Heimat
Theologie und Praxis des christlichen Gebets
Freiburg u.a.: Verlag Herder 2010
260 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-451-33052-0
„Zu wem beten Sie so? Wenn die Antwort „Gott“ lautet, ist sie theologisch falsch, zumindest dann, wenn das Gebet ein christliches sein will". Mit dieser scheinbar einfachen und doch kniffligen Frage eröffnet Gerhard Lohfink, ehemaliger Ordinarius für Exegese des Neuen Testaments in Tübingen und seit seinem Ausscheiden aus dem Hochschuldienst 1987 intensiv engagiert in der Katholischen Integrierten Gemeinde, seine Einführung in die Theologie des christlichen Gebets.
Weit davon entfernt, eine Gebetslehre oder gar eine Gebetsschule bieten zu wollen, möchte der Autor wieder Wege zum Gebet eröffnen, Festgefahrenes lösen und Betenden einen neuen Einblick ins das Gebet geben. Der thematisch-inhaltliche Bogen wird gespannt von der Frage, an wen sich das Gebet richtet, bis hin zur Erklärung, was beim Hochgebet genau geschieht. Insgesamt lassen sich in den 10 Kapiteln vier thematische Einheiten feststellen. Die ersten drei Kapitel nehmen die Grundbewegung des christlichen Gebets (durch den Geist mit Jesus zum Vater), die Geschichtsmächtigkeit Gottes und die Gebetsformen, die die Kirche kennt, in den Blick. Hier wird Grundsätzliches zum Gebet und seinem Sinn erörtert, sowie die biblischen und theologischen Grundlagen für das Verständnis der folgenden Teile gelegt. Die Kapitel vier bis sieben schauen genauer auf Lobpreis, Bittgebet, Klage und Psalmen als biblische Gebetsformen, die seit alttestamentlicher Zeit Wege der menschlichen Bewegung auf Gott hin sind. In diesen Kapiteln werden biblische Gebete theologisch erschlossen und mit der kirchlichen Gebetspraxis verbunden. Neben ansprechenden Auslegungen, die ihrerseits zur Betrachtung einladen, finden sich hier auch lesenswerte Erläuterungen zu den römischen Orationen, die durch die Verbindungen zur biblischen Gebetspraxis in neuem Licht erscheinen. Viele Leserinnen und Leser werden die Orationen, aber auch die Fürbitten in der Eucharistiefeier danach mit neuen Ohren hören. Kapitel acht, das von Meditation handelt und mitunter beißend ironisch ist, fragt nach der genuin christlichen Meditation und grenzt sie ab von außerchristlichen und diffus-esoterischen Formen. Das neunte Kapitel stellt mit seiner Erläuterung des Hochgebets eine eigene Einheit dar. Hier führt der Autor die Fäden zusammen, die er in den vorhergehenden Kapiteln verfolgt hat und verknüpft sie zu einem beeindruckenden Ganzen. Alleine für dieses Kapitel lohnt sich der Blick in den Text. Das letzte Kapitel ist eine Art Epilog und zeichnet die mögliche Gebetsgeschichte eines Einzelnen exemplarisch und episodisch anhand der Gebetsgeschichte des Autors nach. Hier ist der Ort, wo sich Leserinnen und Leser auch mit ihrer eigenen Gebetsgeschichte einfinden können.
Die Sprache des Buches ist leicht und gut lesbar – auch für Laien und jüngere Menschen. Die vielen anekdotischen Passagen verleihen dem Text eine große Lebendigkeit. Es ist zu spüren, dass hier jemand schreibt, der nicht nur im Gebet, sondern auch in einer Gemeinschaft von Betenden Heimat gefunden hat. Unversehens legt der Autor aber auch den Finger in die Wunden der Schwachstellen mancher gottesdienstlicher Feiern. Er beklagt zu Recht, dass Fürbitten oft zu theologisch-pädagogischen Traktaten verkommen, die nicht mehr Gott, sondern die Gläubigen als Adressaten haben und mahnt an, sich auf der Grundlage biblischen Betens wieder auf die rechte Form zu besinnen. Nicht im Buch zu finden sind konkrete Tipps und Anleitungen zum persönlichen Gebet. Das widerspricht seiner Intention, und genau das macht es so lesenswert. Lehrerinnen und Lehrer und Katechetinnen und Katecheten werden mit dem Buch theoretische und praktische Einheiten vorbereiten können, einige Kapitel lassen sich auch gut zur Lektüre mit Arbeitsgruppen verwenden. Insbesondere das letzte Kapitel kann im Rahmen einer konstruktivistischen Didaktik Ansatzpunkt und Spiegelfläche für die eigene Beschäftigung mit dem Thema christliche Identität sein.
Sandra Hübenthal
Quelle: Eulenfisch Literatur 3 (2010), Heft 2, S. 4f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]