Todesvorstellungen in den Weltreligionen

Buchvorstellung - 05.11.2010

Hans Peter Hasenfratz
Der Tod in der Welt der Religionen

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 2009
144 Seiten 29,90 Euro
ISBN 978-3-534-22151-6

Auch wer in Frieden mit seiner Gemeinschaft stirbt, bewirkt durch seinen Tod zunächst eine schwierige Situation: Die Balance zwischen Lebenden und Toten ist durch diesen Übergang empfindlich gestört. Erst dessen rituelle Inszenierung kann sie wiederherstellen. Hans Peter Hasenfratz vergleicht solche Prozesse in sogenannten Elitereligionen wie in der Volksreligiosität. Im ersten Teil arbeitet er Typen eines „seligen“ wie „unseligen“ Todes heraus, um schnell neben dem biologischen Tod auch den sozialen in den Blick zu nehmen. Denn schon bevor jemand gestorben ist, kann er für andere oder von anderen für – sozial - tot erklärt sein.

Auch nach dem Sterben tritt noch längst nicht immer „Totenstille“ ein. Unselig gestorben, bleiben die Toten bei vielen Völkern aktiv präsent als Wiedergänger, Gespenster oder Vampire. Solche Tote können Lebensenergien binden. Der Tod erscheint nicht nur biologisch, sondern vor allem soziokulturell, religiös als vielschichtiger Prozess. Während die Elitereligionen tendenziell von nur einer Seele ausgehen, kennen Volksreligionen einen Plural von Seelen, um die verschiedenen Aspekte dieses Vorgangs erfassen und bewältigen zu können.

Im zweiten Teil skizziert der Autor die Jenseitsvorstellungen der Elitereligionen. Judentum, Christentum und Islam erscheinen dabei in großer Nähe zueinander, ist die jeweils jüngere doch bezogen auf die vorausgegangene(n). Die Quelle elementarer Vorstellungen wie die einer leiblichen Auferstehung macht Hasenfratz im Zoroastrismus aus. Etwas unproportional breit und differenzierter als die monotheistischen Religionen kommt der Hinduismus zur Sprache, was erlaubt, den Buddhismus nur in seinen spezifischen Differenzen zu diesem vorzustellen. Beide bieten ganz andere Vorstellungswelten als die monotheistischen Religionen, wenn sie etwa ein zyklisches Zeitverständnis zugrunde legen oder Erlösung als Aufhebung, nicht Wiederherstellung des Personseins, ersehnen.
Der schmale Band als Überblick für eine breitere Leserschaft geschrieben, liest sich gut. In einer Kultur, die Sterben und Tod verdrängt und pragmatisch-rationalistisch „erledigt“, hilft er, die eigenen Glaubensüberzeugungen zu sondieren und zu reflektieren. Die Souveränität, mit der sich der Autor durch die Welt der Religionen bewegt, weckt den Wunsch nach einem dritten Teil: der Tod in den Welten der Moderne. Welche Vorstellungen und Praktiken der Todesbewältigung leben hier fort oder treiben ihr Wesen und Unwesen als Wiedergänger?

Paul Petzel © „Christ in der Gegenwart“ 42/2009

Quelle: Eulenfisch Literatur 3 (2010), Heft 1, S. 58. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]