Dieter Hattrup
Freiheit als Schattenspiel von Zufall und Notwendigkeit
Himmlische Dialoge über Wissen und Nichtwissen
Freiburg u. a.: Verlag Herder 2009
176 Seiten 16,95 Euro
ISBN 978-3-451-30134-6
Hattrup versteht, spannend zu schreiben. Für sein Thema ist er in zweifacher Weise kompetent. Er ist promovierter Weizsäcker-Schüler und promovierter und habilitierter Theologe, der in Paderborn systematische Theologie lehrt. Es ist ihm ein Herzensanliegen, Glauben und Vernunft miteinander in Einklang zu bringen. Wissenschaftsgeschichtlich zeigt er auf, dass in der Ägide der klassischen Physik von 1543-1900 der Glaube an Gott immer schwieriger wurde, je mehr eine lückenlose Kausalkette physikalischer Determination Gott „arbeitslos“ werden ließ.
Die Entdeckung der Unstetigkeit seit Planck ab 1900 und damit des echten Zufalls, unterschieden von einem „zufälligen“ Zusammentreffen zweier oder mehrerer Determinationsstränge, gab Gott wieder eine „Chance“, auch vernünftig geglaubt zu werden. In vier spannenden Dialogen mit bahnbrechenden Wissenschaftlern ihres jeweiligen Faches versucht das literarische Ich Hattrups, in dialogisch-dialektischer Weise die eigene Position darzustellen: Es gibt Wirkungen mit empirisch prinzipiell nicht feststellbarer Ursächlichkeit, einen wahrhaften point blanc de l’origine. Das ist der weiße Punkt des Ursprungs P. Teilhard de Chardins, und zwar nicht deshalb, weil empirisch die notwendige, aber fehlende kausale Verbindung noch nicht gefunden wurde, sondern weil es sie „notwendig“ gar nicht gibt. Gott fristet dennoch kein Lückenbüßerdasein – denn mathematisch bleiben Naturvorgänge unter Berücksichtigung des echten Zufalls beschreibbar, für Hattrup wird allerdings mit Allmacht begabte Freiheit dadurch wieder denkmöglich. Das heißt aber auch, dass bedingte Freiheit wieder zu Ehren kommt.
Letzteres zeigt er vor allem in seinem Dialog mit dem Neurologen Benjamin Libet (1916-2007). Libet hatte die berühmten, nach ihm benannten Versuche gemacht, die Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth und Wolf Singer veranlassten, dem Menschen Freiheit abzusprechen. Der fiktive Dialogpartner Prirotsin (handelt es sich um eine Komposition aus den Namenssilben der beiden genannten Vertreter?) attackiert Libet (in diesem Fall das vornehmlich literarische Ich Hattrups) und versucht, Freiheit als Illusion zu entlarven – er plädiert für eine lückenlose Determination der Natur bis in die Hirnchemie hinein.
Der zweite Gesprächspartner ist Carl Sagan, Astronom und Vertreter weiteren intelligenten Lebens im Weltall. Hattrup kommt es in diesem Kapitel darauf an, Theorien zu markieren, die es nur deshalb gibt, „um die persönliche Metaphysik des Wissenschaftlers vor dem Untergang zu bewahren“ (36). Hierzu zählt er die Steady State Theorie Fred Hoyles, in der ein immer gleich bleibender Zustand des Alls angenommen wird. Als Vertreter einer „Rare Earth“- Theorie schließt er auch die Vielweltenhypothese aus, für die es auch keine empirischen Belege gibt, sondern nur den Wunsch ihrer Vertreter, dadurch ohne einen Glauben an Gott auskommen zu können.
Mit einer Fülle von Beispielen zeigt er die Einzigartigkeit des Lebens auf der Erde auf und dass echter Zufall nicht erst seit Entdeckung des Planck‘schen Wirkungsquantums zum Integral naturwissenschaftlicher Paradigmata gehört.
Der dritte Gesprächspartner ist Charles Darwin. Darwin hatte Naturforschung unter der Herrschaft der „fixed laws“, der newtonschen Physik, betrieben. Er ist nach der Beagle-Fahrt zum Atheisten geworden, weil er in einer vollständig kausal determinierten Welt keinen Raum mehr sah für das Handeln eines lebendigen Schöpfers. Die fiktive Diskussion bringt Darwin zur Einsicht, dass er nach Lage der Dinge nicht mehr notwendig Atheist sein muss. In seiner Zeit war es vernünftig, Freiheit als einen Gegenbegriff von Notwendigkeit anzusehen. Eine vollkommene Determination der Welt ließ dann keinen Platz mehr für Freiheit, es sei denn, dass Naturgesetze durchbrochen werden. Seit Plancks Quantentheorie hat sich die Lage verändert. Echter Zufall und Notwendigkeit konstituieren schon die kernphysikalischen Basisparameter. Kausalität durch Freiheit ist wieder denkmöglich geworden, wenn Wirkungen ohne vorhergehende lückenlose Kausalverkettung möglich sind. Echter Zufall am Beginn einer Abfolge von Wirkungen kann nicht unterschieden werden von einer Kausalität durch Freiheit. Eine causa efficiens, eine Kausalursache, ist mit empirischer Methodik in beiden Fällen nicht erkennbar. Andererseits gehören Freiheit und Notwendigkeit sogar zusammen, wie der fiktive Gesprächspartner Darwins darlegt: „…wenn Ihr Wille einen Befehlsruck an die Muskeln sendet, dann müssen die mechanischen und elektrodynamischen Gesetze heute alle so sein, wie sie gestern und vorgestern waren“ (107). Ansonsten wäre eine Freiheitstat unberechenbar und sinnlos, wenn doch nicht geschähe, was antizipiert wird.
Der vierte Gesprächspartner Albert Einstein tritt gar nicht an, weil er – was sein ganzes Leben ausgezeichnet hat – gegen eine indeterministische Physik protestiert. Zu Lebzeiten hat er schon mit aller Macht gegen die Annahme echten Zufalls argumentiert – „Gott würfelt nicht“ – und als fiktiver Gesprächspartner lässt Hattrup ihn weiter protestieren, deshalb kommt er erst gar nicht. Einstein wird allerdings durch einen modernen fiktiven Kernphysiker vertreten. Darwin nimmt weiter an dem Gespräch teil und äußert sich enttäuscht, nicht mit einem der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts reden zu können, zumal er seine Evolutionstheorie unter den Bedingungen der newtonschen klassischen Physik entwickelt hat. Es wird noch einmal deutlich, wie schwer es manchem Physiker gefallen ist, eine indeterministische Physik zu akzeptieren oder sogar wider Willen zu befördern: Hattrup zitiert Schrödinger durch den fiktiven Einsteinvertreter: „Wenn es bei dieser verdammten Quantenspringerei bleiben soll, bedauere ich, mich überhaupt jemals mit der Quantentheorie abgegeben zu haben“ (136). Man könnte nun sagen, die Quantentheorie hat für die philosophische Bewertung der Evolutionstheorie keine Bedeutung. Da Quantensprünge allerdings schon an der Wurzel empirischer (nicht bloß ideeller) Wirklichkeit, am elementarsten „Weltkern“ begegnen, muss damit gerechnet werden, dass es sich beim „Schattenspiel von Zufall und Notwendigkeit“ um ein konstitutives Merkmal unserer Weltbegegnung überhaupt handelt.
In einem informativen Nachwort gibt Dieter Hattrup preis, dass das Buch für ihn eine ganz persönliche Auseinandersetzung vernünftiger Befragung des Glaubens mit einer bis in die Biografie hinein erkennbaren Anstrengung des Wissens gewesen ist. Das Buch begegnet als reife Frucht dieser Auseinandersetzung.
Helmut Müller
Quelle: Quelle: Eulenfisch Literatur 3 (2010), Heft 1, S. 30f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]