Geistliche Impulse für Religionslehrerinnen und Religionslehrer

Buchvorstellung - 27.05.2010

Günter Putz (Hg.)
Im Gleichgewicht. Gebetsübungen für Lehrerinnen und Lehrer

Würzburg: Echter Verlag. 2008
336 Seiten 19,80 Euro
ISBN 978-3429030179

Monsignore Günter Putz ist Domkapitular und Hauptabteilungsleiter des Referats "Hochschule, Schule und Erziehung" in der Diözese Würzburg. In gutem Zusammenspiel zwischen Amt und Profi-Laien hat er mit dem Buch "Im Gleichgewicht – Gebetsübungen für Lehrerinnen und Lehrer" vor allem seine kirchlichen Religionslehrer/innen eine schöne Sammlung geistlicher Impulse vorlegen lassen. Hinter dem Untertitel-Stichwort "Gebetsübungen" verbirgt sich nicht nur eine ansprechende Sammlung von Texten, sondern in Struktur und Inhalt eine originelle Mischung aus klassischer Form stundengebetlicher Liturgietradition und zeitgenössischem "Stehen vor Gott".
 

Jeder Einzelimpuls hält sich an die Form von Laudes oder Komplet des kirchlichen Stundengebets: Eröffnung, Hymnus, Gebet, Schriftwort, Benedictus oder Magnificat (das Erste, wenn der Impuls als Abendgebet/Meditation – Komplet genutzt werden soll, das Zweite für die Morgenandacht – Laudes), Fürbitten, Vaterunser, Schlussgebet, Segenswunsch. Für jeden Monat im Schuljahresrhythmus, also vom Anfang im September bis zum Ferienmonat August wird jeweils eine Woche durchgebetet. Jedem Monat wird ein von Schülern und Schülerinnen gemaltes und von der Lehrkraft knapp interpretiertes Bild vorangestellt und ein inhaltliches Leitmotiv eher lose zugeordnet. Die einzelnen Tage der exemplarisch gestalteten Woche greifen es mehr oder weniger auf: Anfangen, Zustimmen, Verwandeln, Schenken (wer mitgezählt hat, merkt, wir sind im Dezember), Ruhen, Freuen (Fastnachtsmonat Februar), Leiden, Leben, Blühen, Wachsen, Vollenden, Unterwegs-Sein. Das ist der Orientierungsrahmen, den die gestaltenden Religionslehrkräfte nun sehr individuell füllen. Hier zeigen sich dann Glanz und Stärke der vorgelegten Sammlung und nebenbei auch die kleinen Schwächen, die den einen oder anderen Wunsch an ein solches Buch offenlassen.

Im Rahmen der vorgegebenen Form gestalten die Autorinnen und Autoren den Hymnus und die Gebete frei und suchen zum inhaltlichen Anliegen passende Schrifttexte. Damit entstehen größtenteils sehr schöne Reflexe auf die persönliche Gebetspraxis und die spirituellen Schätze, aus denen Religionslehrkräfte Kraft und Orientierung für ihren Glauben und für ihre Arbeit schöpfen. Für den Hymnus tauchen z.B. Liedtexte aus dem Gesangbuch oder dem Neuen Geistlichen Lied auf. Oder aber – und das gefällt mit ganz besonders – kurze Text-abschnitte aus klassischer oder zeitgenössischer Literatur! Auch dass dann der Bibeltext nicht nach kirchlicher Leseordnung, sondern nach inhaltlichem Bezug und zuweilen durchklingender persönlicher Leidenschaft ausgewählt wird, macht mir das Buch besonders wertvoll. Die durch die Textauswahl hindurchschimmernde Persönlichkeit der Kolleginnen und Kollegen, die die Impulse gestalteten, hat mich für die Rezension hübsch aufgehalten, weil die Tageseinheiten mich dann teilweise so gefangen nahmen, dass man das Buch eben nicht so einfach im Rezensentenstil durchblättert und kursiv liest …

Viele Gebete stammen aus den einschlägigen, schönen Sammlungen der letzten dreißig Jahre mit Autoren von Augustinus, Bonhoeffer, Camara bis Zenetti und Zink. Da begegnet dem Praktiker dann auch manches allzu Bekannte. Das für mich dann aber doch gleich wieder an Kraft gewinnt, wenn ich mir klar mache, dass es nicht nur ein mir bekannter Text, sondern auch eine die Kollegin, den Kollegen nährende Kraftquelle ist. Diese „kollegiale Zeugnisdimension“ wird vom Herausgeber auch ausdrücklich intendiert und gibt dem Buch besondere Stärke, wenn man sie denn im Bewusstsein behält.

Aus welchen Quellen schöpfst Du, welche geistlichen Ressourcen konntest Du Dir erschließen? Das ist eine wunderbare und viel zu selten gestellte Frage an die religionspädagogische Kollegenschaft. Diese Schätze zu teilen und dadurch bei jedem zu mehren, ist eine wichtige Gegenwartsaufgabe, auch für die oft umstrittene Frage nach der missionarischen Kraft des Religionsunterrichts. Hier wünschte ich mir tatsächlich neben den erschlossenen Fremdquellen noch mehr Zeugnisse und Zutrauen in die ganz persönliche religiöse Sprachfähigkeit, das eigene Gebet, den eigenen Text. Der dann auch quasi automatisch ansteckend wirkte: Schau, liebe Kollegin, werter Kollege, so habe ich es einmal für mich und meine Welt und meinen Glauben formuliert, das kannst Du auch!
Erst in dieser Dimension von „ansteckender und motivierender Kraft“ würde das Buch seinen Sinn und seine Anlagen voll ausschöpfen. Dann erst nämlich, wenn seine Nutzerinnen und Nutzer beginnen, selbst nach ihren Ressourcen, Quellen, Texten und Worten der sie tragenden Frömmigkeit zu suchen, sie festzuhalten und vielleicht anderen weiterzugeben, dann erst entkommen sie der Verlegenheit, in die dieses schöne Buch sie sonst unweigerlich stürzt: Was soll man sonst in den verbleibenden drei Wochen jeden Monats beten, für die das Buch keine Impulse vorsieht? Bei manchen Tagesimpulsen mag man irgendwie einen ausdrücklicheren Bezug zum Leitmotiv des Monats vermissen. Das ist mir letztlich dann aber doch sympathischer als eine eher gewaltsam und künstlich durchgehaltene motivische Stringenz.

Kirchliches Stundengebet stammt aus dem Alltag klösterlicher Beschaulichkeit. Es überfordert in seinem vollen Anspruch an Zeit und Ruhe schon manchen Weltgeistlichen. Es kann darum nicht das einzige Modell christkatholischer Spiritualität bleiben. Das Buch ist darum – weit über den schönen Textsammlungscharakter hinaus -ein ausgezeichneter Impuls, wie eine ausdrücklich an Laien und Familien orientierte Spiritualität Gestalt gewinnen kann, eben auch für gehetzte und gestresste Religionslehrkräfte. Und das gilt nicht nur für die einem hektischeren Alltagsrhythmus angepasste Zeitstruktur mit täglich einer überschaubaren Betzeit. Es gilt mindestens ebenso stark für die „welthaltigeren“ Inhalte, wie sie besonders in den Texten aus der säkularen Literatur, wie sie in den Versuchen freier und zeitgenössischer Gebetssprache zum Ausdruck kommen. Die dem Stundengebet entlehnte Grundform mit täglich wiederkehrenden, klassischen Frömmigkeitselementen wie Benedictus, Magnifikat, Vaterunser und Schrifttext halten das Ganze trotzdem wunderbar in der Waage traditionsgebundener Spiritualität.
Also, nehmen Sie dieses schöne Buch zur Hand und lassen Sie sich von ihm inspirieren, Impulse für die anderen vierzig Wochen im Jahr aus der Tiefe der in Ihrer eigenen Glaubenswelt sprudelnden Quellen zu schöpfen.

Stefan Herok

Quelle: Eulenfisch Literatur 2 (2009), Heft 1, S. 30f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]