Wissenschaftsgeschichte der Erschaffung der Welt

Buchvorstellung - 19.05.2010

Dieter Hattrup
Darwins Zufall oder Wie Gott die Welt erschuf

Freiburg u. a.: Verlag Herder. 2008
295 Seiten 19,95 Euro
ISBN 978-3-451-29930-8

Bei der Lektüre von Dieter Hattrups Buch müssen sich Atheisten warm anziehen (vgl. 131-135), Kreationisten nicht weniger (vgl. 223-236). Von Kapitel zu Kapitel wird die Luft immer dünner für sie, bis die Atheisten im letzten Kapitel in Atemnot geraten und Kreationisten hoffentlich eines Besseren belehrt werden. Tatsächlich liest sich Hattrups Buch wie ein Krimi.

Tatort ist die Welt. Wer ist der Täter (der Welt)? Hattrup gibt eine überraschende Antwort: Beim Showdown am Ende gehören Zufall, Notwendigkeit und Gott zum Kreis der Tatverdächtigen. Täter sind sie alle mit Gott als Rädelsführer. Notwendigkeit erscheint einmal als Spur zum Täter Gott, wenn man Kreationist ist und bleibt. Ist man jedoch Naturalist, entpuppt Notwendigkeit sich geradezu als die penible Beseitigung jeder Spur. Zufall passt beiden nicht. Zufall begegnet vielmehr als Resultat schlampiger Tatortuntersuchung. Bei akribischer Untersuchung bliebe nur Notwendigkeit übrig; bei Kreationisten erschließt sie sich als Plan Gottes, bei Naturalisten ist sie nur ein komplexes lineares Kausalnetz, das letztlich schlüssig erscheint, wenn das Universum zu einem Multiversum ausgedehnt wird. Nur so lassen sich Täterspuren wegerklären. Tatort und Nicht-Tatort werden in einem Multiversum ununterscheidbar. Hattrup weist allerdings unwiderleglich darauf hin, dass es nicht den geringsten empirischen Hinweis für ein Multiversum gibt. Das müsste für einen Naturalisten eigentlich vernichtend sein, weil die Empirie das Fundament jeder naturwissenschaftlichen Theorie ist. Für Naturalisten wird es aber noch unangenehmer, denn auch die Logik der Theorie verstößt gegen ein ehernes Prinzip aller Naturalisten, nämlich gegen Ockhams Rasiermesser (schon aus dem Mittelalter): „Entia non sunt multiplicanda sine necessitate“. Entitäten (in diesem Fall Universen!) sollten nicht ohne Not vermehrt werden. Es gibt empirisch keine Not. Was mathematisch möglich ist, ist noch lange nicht wirklich. Die einzige Not scheint für Naturalisten darin zu liegen, die in dieser Welt nicht schlüssige Notwendigkeit in einem Viel-Welten-Modell erfüllt sehen zu dürfen und nicht zuletzt ein „metaphysisches Bedürfnis befriedigen“ (131) zu können, nämlich nicht an Gott glauben zu müssen. Hattrup glaubt nämlich, dass sich das Blatt gewendet hat: „Im 17. Jahrhundert hat die damalige Naturforschung den Gottesglauben in Bedrängnis gebracht, heute im 21. Jahrhundert bringt die Wissenschaft den Atheismus in Bedrängnis“ (131).

Hattrup hat eine blendend und spannend geschriebene Wissenschaftsgeschichte mit kleineren biographischen Einsprengseln vorgelegt. Der Aufbau des Buches ist einfach und klar: Im ersten Kapitel „Die Vertreibung des Zufalls“ beschreibt er die frühneuzeitlich beginnende Mechanisierung des Weltbildes. Vorausgeschickt wird die einleuchtende Feststellung: Zufall ist ein Nichtwissensprinzip – Notwendigkeit ein Wissensprinzip. Die Frage „Können die beiden die Grundlage einer Wissenschaft bilden?“ wird m. E. im weiteren Verlauf des Buches schlüssig beantwortet. Von Kopernikus’ heliozentrischem Modell von 1543 an bis zum planckschen Wirkungsquantum im Jahre 1900 ist diese Vertreibung vorherrschend. Das erst machte einen sich wissenschaftlich gebenden Atheismus möglich. Im zweiten Kapitel „Die Rückkehr des Zufalls“ wird insbesondere in der leidenschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Bohr und Einstein deutlich, dass das mechanische Weltbild, durchgehend herrschende Notwendigkeit, empirisch nicht gehalten werden kann. Im dritten Kapitel „Im Zauberreich des Atheismus“ zeigt Hattrup, dass das dem bis dahin immer stärker werdenden Atheismus wachsend zu schaffen macht. Im vierten Kapitel „Der Zufall und die Evolution“ hält der Zufall nun auch Einzug in die Biologie. Überraschend vertritt Hattrup die These, dass der Zufall in der Evolutionstheorie dem Atheismus gefährlicher wird als dem Glauben an Gott. Das liegt daran, dass Naturalisten gar keinen echten Zufall (Wirkung ohne zureichenden Grund) kennen, sondern Zufall nur verstehen als das Zusammentreffen zweier oder mehrerer Kausalketten, mit anderen Worten, Notwendigkeiten: Pflanzen produzieren Pollen, Wind und Wetter verbreiten sie. Das Zusammentreffen ist (unechter) Zufall. Im fünften und letzten Kapitel „Darwins Freiheit“ zeigt nun Hattrup, dass Zufall unterbestimmte Kausalität ist, dass in Zufall Freiheit verborgen sein kann. Freiheit ist aber für naturwissenschaftliche Methodik unsichtbar. Nur Wirkung ist erkennbar, im naturwissenschaftlichen Normalfall, als Wirkung einer anderen Wirkung. Ist die Ursache einer Wirkung aber eine Freiheitstat, bleibt die Ursache im Rahmen naturwissenschaftlicher Methodik unerkennbar. Ist also Wirkung ohne – naturwissenschaftlich – zureichenden Grund zu konstatieren, kann eine Freiheitstat als zureichender Grund vermutet werden. Die Alternative wäre Zufall. Zufall kann also letztlich – wie Freiheit – nicht begriffen, sondern nur bezeugt werden. Während Zufall in der Physik schlicht Indeterminiertheit ist, lässt Zufall, wenn er in der Biologie auftritt, auch Freiheit vermuten. Freiheit ist aber mehr als Indeterminiertheit. Freiheit ist immer an Selbstsein gebunden, endliches oder unendliches Selbstsein. Das wird erst im letzten Kapitel deutlich.

Hattrup hat also ein Buch geschrieben, das man zu Ende lesen muss. Denn wie in einem echten Krimi wird der Täter erst im letzten Kapitel ermittelt. Die Lektüre ist allerdings kein Muss, sondern ein reines intellektuelles Vergnügen.

Helmut Müller

Quelle: Eulenfisch Literatur 2 (2009), Heft 1, S. 23f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]