Mütter im Alten und Neuen Testament

Buchvorstellung - 03.01.2010

Margot Käßmann
Mütter der Bibel
20 Porträts für unsere Zeit

Freiburg/Br.: Herder 2008
157 Seiten, € 14,95
ISBN 978-3-451-29855-4

Aus den zahlreichen biblischen Müttern hat Margot Käßmann fünfzehn alttestamentliche und fünf neutestamentliche ausgewählt und dabei ein klares Ziel vor Augen (7): „Es geht doch darum, Frauen zu ermutigen, Mutter zu werden!“ Sie verschweigt dennoch keineswegs die Schwierigkeiten, Verletzungen, Ängste und Konflikte, die mit einer Mutterschaft oder gerade auch dem Ausbleiben einer ersehnten Mutterschaft verbunden sein können.

Vielmehr wird betont, dass auch diese Emotionen und Situationen keine neuzeitlichen Entwicklungen darstellen, sondern schon in der Bibel als mütterliche Grunderfahrungen zu finden sind.

So steht die kanaanäische Frau, die sich aufopferungsvoll für ihr krankes Kind einsetzt, neben der vermeintlichen „Rabenmutter“ Hanna, die ihr Kind in fremde Obhut gibt, die durch Vergewaltigung schwanger gewordene Batseba neben der ein Kind herbeisehnenden, aber erst spät gebärenden Elisabet. Das Verständnis von Mutterschaft bleibt in dieser Zusammenschau von Müttern nicht bei dem rein biologischen stehen: Die Großmutter Lois wird ebenso gewürdigt wie die Stiefmutter Ketura, die Schwiegermutter Noomi und die „Mutter des Volkes“ Ester.

Die zwanzig Porträts biblischer Mütter sind alphabetisch angeordnet und mit dem jeweiligen Namen – wenn er denn überliefert ist – und einem programmatischen Schlagwort betitelt. Dieses deutet bereits an, in welcher Weise die biblischen Frauenschicksale mit den Freuden und Nöten von Müttern unserer Zeit in Beziehung gesetzt werden. Das seelsorgerliche Anliegen, möglichst viele Bezugspunkte zur Lebenswelt heutiger Frauen aufzuzeigen, genießt dabei höchste Priorität (10): „Mir ist bewusst, dass ich mich zwischen den alten Texten und der aktuellen Situation manches Mal sehr frei bewegt habe. Das vorliegende Buch will keine wissenschaftliche Darstellung sein.“

Die Parallelisierungen von biblischen und heutigen Müttern überzeugen besonders dann, wenn ein Porträt konsequent wie im Fall von Ketura einem Leitgedanken folgt. Schwierig wird es zum einen, wenn unterschiedliche oder gar widersprüchliche neuzeitliche Lebenssituationen an eine Frau des Alten oder Neuen Testaments herangetragen werden: So beginnt das Porträt Hagars mit einer einfühlsamen Zeichnung einer Geliebten eines verheirateten Mannes, dann aber muss doch ihre Vergewaltigung konstatiert werden, um darauf mit der sitzengelassenen und alleinerziehenden Mutter fortzufahren. Zum anderen lässt sich aus exegetischer Sicht fragen, ob der freie Umgang mit dem biblischen Text nicht einzelnen Stellen aufgedeckt werden sollte. Das gilt speziell für die „ehrgeizige Mutter“ der Zebedaiden Jakobus und Johannes, denn nach neutestamentlichem Befund ist die gemäß Mk 15,40 unter dem Kreuz stehende Salome keineswegs zwingend identisch mit der Mutter der Söhne des Zebedäus, die nach Streichung des Namens Salome laut Mt 27,56 die Kreuzigung von ferne beobachtet. Der Hinweis auf die biblischen Bezugsstellen, der den Porträts stets voransteht, ist in diesem Fall mit „Matthäus 20,20ff.“ zu knapp.

Unter den ständig wachsenden Veröffentlichungen zu Frauen in der Bibel hat dieses Buch wegen seiner prominenten Verfasserin zweifellos beste Aussichten auf eine große Leserschaft. Da es in gegenwartsbezogener und leicht lesbarer Form einen Einblick in den biblischen Schatz an zeitlos gültigen und berührenden Überlieferungen gewährt und das Kennenlernen der porträtierten Frauen vielleicht sogar zu eigenen Bibelstudien anregt, ist das zu begrüßen. Die Lektüre könnte jedoch auf Männer und Frauen sehr unterschiedliche Wirkung haben: Tatsächliche und potentielle Väter könnte irritieren, dass bis auf Josef, dessen Vaterschaft ja gerade eine Angelegenheit für sich ist, und Elkana, dessen Liebe zu seiner lange Zeit kinderlosen Ehefrau Hanna herausgestrichen wird, die Väter nahezu verschwinden oder blasse, von den vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen geprägte Gestalten bleiben. Frauen hingegen können mit Hilfe dieses Buches für vielfältige Erfahrungen des Mutterseins und auch des Nicht-Mutterseins biblische Identifikationsfiguren entdecken und in der Verfasserin eine sensible und mitfühlende Frau und Mutter erkennen.

Margot Käßmann

Quelle: Katholisches Bibelwerk e.V. Stuttgart, Biblische Bücherschau 5/2009