Aufklärung über Glaubensinhalte oder Blasphemie?

Buchvorstellung - 23.01.2010

Michael Schmidt-Salomon/ Helge Nyncke
Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel
Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen

Aschaffenburg: Alibri Verlag. 2007
36 Seiten
ISBN 978-3-86569-030-2

Aufklärung über „sehr zentrale Glaubensinhalte der drei abrahamitischen Religionen“ oder inakzeptable „Antireligionshetze“, die indiziert werden sollte – das von der Giordano-Bruno-Stiftung geförderte Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das Kleine Ferkel“ hat eine öffentliche Debatte ausgelöst. Am 6. März hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften über den Antrag des Familienministeriums zu entscheiden, das Kinderbuch als jugendgefährdend zu indizieren.

Begründet wurde dieser Antrag mit dem Vorwurf, das Kinderbuch mache die drei großen monotheistischen Weltreligionen lächerlich und weise insbesondere antisemitische Züge auf, indem das Judentum als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt werde. Dagegen gelangt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, zu der Einschätzung, das Buch sei nicht antisemitisch, verleumde es doch „gleichermaßen alle drei großen monotheistischen Religionen“. Tatsächlich scheint in Deutschland – und so auch im Familienministerium – die Toleranz gegenüber oder eben das Abfinden mit Verunglimpfungen christlicher oder muslimischer Glaubensvertreter verbreitet, wie auch Lorenz Jäger in einem Artikel der FAZ kritisch anmerkt, so dass nur der Antisemitismusvorwurf noch Aussicht auf eine erfolgreiche Indizierung verspricht. Diesen Indizierungsantrag unterstützte auch Stephan Kramer, da das Buch mit seiner „Antireligionshetze“ auf jeden Fall gefährlich sei. Das zwölfköpfige Gremium entschied sich aber gegen eine Indizierung, da die mögliche Verletzung religiöser Gefühle in dem Kinderbuch den Tatbestand der Jugendgefährdung nicht erfülle.

Welche Intention verfolgt aber das umstrittene Buch und welche Grundaussage will es kindgerecht untermauern und verbreiten? Zielgruppe für das Kinderbuch sind nach Aussage des Autors vor allem konfessionslose Eltern und Kinder, deren Position es stärken und als „wirksames Gegengift gegen die vielfältigen Formen religiöser Indoktrination im Kinderzimmer“ unterstützen soll. Ob man das Buch dabei als humorvoll, satirisch, gefährlich oder einfach nur geschmacklos betrachtet, liegt wohl im Auge des Lesers. Nacheinander richten das kleine Ferkel und der kleine Igel die Frage: „Wo bitte geht’s zu Gott?“ an einen orthodoxen jüdischen Rabbi, einen christlichen Bischof und einen muslimischen Mufti, die allesamt Angst einflößend und karikiert dargestellt sind. Einseitig bringen sie ausschließlich bedrohliche Szenarien ihrer Religion zur Sprache: Der Rabbi verschreckt mit dem Bild eines zornigen Gottes anhand der darauf reduzierten Sintfluterzählung, der Bischof mit dem blutrünstig dargestellten Kreuzestod Christi und einem daran gemahnenden rituell-kannibalistischen Opfermahl und schließlich der Mufti mit der Androhung von Höllenstrafen für diejenigen, die die Worte des Propheten Mohammed nicht befolgen.

Die von Schmidt-Salomon angestrebte Religionskritik besteht hier vor allem in einer völlig einseitigen, verkürzten polemischen Präsentation von Inhalten der jeweiligen Religion. Auch bei der Darstellung von deren Vertreter bedient sich das Buch bekannter, auch historisch geschmackloser Stereotype: der Rabbi in der traditionellen Tracht orthodoxer Juden in dämonisierender Drohgebärde, ein feister Bischof mit farb- und emotionsloser Gemeinde, der Mufti und seine als orientalisch dargestellten Anhänger, die mit wutverzerrtem Gesicht zur Verfolgung der „Ungläubigen“ ansetzen. Über die Verfolgung von Ferkel und Igel geraten die drei in einen handfesten Streit – u.a. darüber, wessen Hölle die allerschlimmste ist. Folgerichtig kommen Ferkel und Igel zu der „Moral von der Geschicht’: Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!“ Die Schlussseite zeigt Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Hautfarbe in beinahe paradiesisch anmutender, fröhlicher Nacktheit – nur die drei Geistlichen finden sich hier voller Scham ihr Geschlecht bedeckend wieder. Schmidt-Salomon räumt ein, dass sich die Kritik seines Buches nur gegen fundamentalistische Positionen der drei Weltreligionen richtet, die mit ihrem Gotteswahn auf dem Vormarsch seien. Jede Form eines aufgeklärten, humanistisch denkenden Glaubens deklassiert er demgegenüber zu einer „Religion light“, die den Kern der ursprünglichen Glaubensaussagen letztlich aufweiche und relativiere und daher für eine ernsthafte Auseinandersetzung ohne Bedeutung sei. Bei diesem Vor-Urteil – einer strengen Separierung von Glaube und Vernunft - wundert es nicht, dass er sich gegen den Vorwurf der Verspottung von Religionen mit der Aussage wehrt, er „mache Religionen nicht lächerlich, sie seien es aus sich selbst heraus“. Eine dezidiert antisemitische Stoßrichtung kann dem Autor dabei wohl nicht als Absicht unterstellt werden, dennoch steht sein als „Dawkins for Kids“ beworbenes Buch in Gefahr, die historisch verankerten und auch bei Dawkins selbst unübersehbaren antisemitischen Tendenzen seiner gegen den vermeintlichen Separatismus des Judentums gerichteten Kritik zu verbreiten, wie Alexander Kissler in seinem Beitrag (siehe S. 20 - 22) belegt.

Mit seiner letztlich banalen, teils unsachlichen und vereinfachenden Polemik ist das Buch sicher nicht geeignet, „Aufklärung“ - wenn auch in satirischer Form – zu leisten. Tatsächlich steht es wohl eher in Gefahr, bei Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft verbreitete Vorurteile zu verfestigen. Ein derartiges Pamphlet scheint wenig kindgerecht, dagegen eher an atheistisch orientierte Erwachsene gerichtet. Es reiht sich damit in die ebenso Religion verspottende Aussage zahlreicher Exponate der ebenfalls von der Giordano Bruno- Stiftung initiierten so genannten „Kritischen Konstantin-Ausstellung“ (http://www.konstantin-expo. de) aus dem Jahr 2007 in Trier ein, ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung anzustoßen. Der Leiter des Instituts für Jugendbuchforschung an der Uni Frankfurt Ewers resümiert: „So eine Verspottung der Religionen muss eine liberale Gesellschaft akzeptieren. Es ist eine dümmliche Religionskritik, aber wenn wir Dummheit bestrafen wollten, säße die halbe Republik im Knast.“

ZUM WEITERLESEN

Heide Oestreich: Religionskritik verbieten, in: die taz, 1.02.2008

Lorenz Jäger: Erst Sündenabschaffung, dann Pradieseswonnen, in: FAZ, 4.02.2008

Herbert Steffen: Es muss nicht am Buch liegen, Leserbrief in: FAZ, 16.02.2008

www.schmidt-salomon.de/ferkelfaq.htm


Ute Lonny-Platzbecker

Quelle: Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung 1 (2008), Heft 1, S. 70f.