Kriterien zur Unterrichtswahrnehmung

Buchvorstellung - 06.10.2009

Katharina Schwindt
Lehrpersonen betrachten Unterricht
Kriterien für die kompetente Unterrichtswahrnehmung
(Empirische Erziehungswissenschaft 10)

Münster: Waxmann Verlag 2008
197 Seiten
ISBN 978-3-8309-2052-6

Nach welchen Kriterien beschreiben und bewerten Lehrpersonen Unterricht? Wie sind diese zu erfassen und wie für eine kompetenzorientierte Professionalisierung in der Lehreraus- und Fortbildung zu nutzen? Vor allem dem ersten Fragehorizont widmet sich die Arbeit von Katharina Schwindt mit empirischer Genauigkeit. Eine Stichprobe von 83 Personen unterschiedlicher Professionalisierungsstufen musste videografierten Unterricht kommentieren und bewerten. Die Aufzeichnungen wurden mit standardisierten statistischen Methoden systematisch verglichen und ausgewertet.

Die vorliegende Arbeit ist in die Studie „LUV – Lernen aus Unterrichtsvideos“ eingebettet, die an der Universität Kiel durchgeführt wurde. Ziel der Studie war es, empirisch verifizierte Aussagen darüber zu treffen, in welchem Ausbildungssetting Unterrichtsvideos am besten und effizientesten eingesetzt werden können. Dafür wurden unterschiedliche Untersuchungsszenarien zur Unterrichtsbeobachtung durchgeführt und ausgewertet. Frau Schwindt wertet in ihrer Studie verstärkt die Erfassung der Kompetenz der Lehrperson in ihrer Beschreibung von Unterricht aus und untersucht, ob und inwieweit unterschiedlich professionalisierte Gruppen unterschiedlich kompetente Unterrichtsanalysen verfassen.
Dass man sich zuerst mit dem Begriff der Professionalisierung auseinander setzt und mit der Literatur diskutiert, mit welchen Variablen diese zu bestimmen ist und wie sich professionelle Handlungskompetenz zeigt – und damit letztendlich messbar wird -, ist wissenschaftlichem Vorgehen geschuldet. Für die konkrete Untersuchung spannender und wichtiger ist die Diskussion des Untersuchungsdesigns. Hier wird in Kapitel 3.2 präzise auf die situativen und personalen Faktoren im Zusammenhang von Wissen und Wahrnehmung eingegangen und die Differenz im Analyse- und Handlungsdruck der Lehrperson bei realem Unterrichtshandeln und der Arbeit mit videografiertem Unterrichts herausgestellt. Auch die Größe der Stichproben und die unterschiedliche Art der Erhebung der Daten in den „Experten-“ und in „Novizengruppen“ schmälern den Aussagegehalt der Ergebnisse bisheriger Studien. Zwar zeichnet sich bei allen das Ergebnis ab, dass die „Novizen“ eher Einzelereignisse des Unterrichts wahrnehmen und die „Experten“ diese eher bündeln und in Gesamtkonzepte kleiden, doch erlauben die Anmerkungen zum Untersuchungsdesign keinen validen empirischen Beleg.

Als Folgerung für das eigene Unterfangen werden Kriterien für kompetente Unterrichtswahrnehmung theoretisch abgeleitet, in ein Gesamtkonzept verwoben und in Kompetenzprofilen beschrieben. Als die entscheidenden fünf Kriterien schälen sich der Analyseprozess, der Fokussiertheitsgrad in der Analyse, der Umfang und die Art der Klassifikation, die Qualität der Aufzeichnungen und der Umgang mit Wertung heraus. Diese werden je einzeln in unterschiedlicher Ausprägung von beschreibend, bewertend, erklärend bis analysierend, differenziert. So entsteht von „global“ nach „differenziert“ ein Gesamtmodell einer kompetenzorientierten Unterrichtswahrnehmung, das es ermöglicht „Kompetenzprofile von Personen über die einzelnen Kriterien hinweg zu beschreiben“. (Grafische Darstellung S.69)

Mit diesem Modell untersucht und analysiert die Studie die Befunde der computerbasierten Unterrichtsanalyse und kommt zu m.E. interessanten Ergebnissen.
Zum einen wird überzeugend dargelegt, dass sich das theoretische Konzept und die fünf Klassifikationen als aussagekräftige Analysekriterien für die Untersuchung kompetenzorientierter Unterrichtsbeobachtung erwiesen haben. Zum anderen überrascht aber die Unterschiedlichkeit in den Kompetenzprofilen im Detail.
Die „Studierenden“ überzeugen durch hohe Analysefähigkeit und die Qualität der Dokumentation, wohingegen der Umgang mit Wertung als eher „global“ zu beschreiben ist. Die „Lehrpersonen zeichnen sich insgesamt durch globale Analysen aus. (…) In den Notizen werden zentrale Ereignisse festgehalten, damit sie als Gedächtnisstütze für die weitere Analyse genutzt werden können“(148). Die „Experten“, nutzen ihre Aufzeichnungen ebenfalls als Gedächtnisstütze. „Entgegen den Erwartungen erscheinen die Analysen der Personen aus der Schulinspektion als überwiegend global. (…) Als Besonderheit lässt sich für diese Gruppe herausstellen, dass kritische Ereignisse überwiegend beschrieben und bewertet werden.“ (ebd.)

In Kapitel 9, der Diskussion der Ergebnisse, übt Frau Schwindt m.E. hohe wissenschaftliche Zurückhaltung in der Interpretation der Befunde ihrer Untersuchung. Sie sieht ein großes Potenzial in der Arbeit mit Videoaufzeichnungen in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen, um eine Verbindung von theoretischem Wissen mit realen Unterrichtssituationen zu unterstützen und verweist dabei auf die einschlägigen Studien von Prof. Kurt Reusser an der Universität Zürich.
Für ihre empirischen Befunde stellt sie vorsichtig die Frage, ob von den Lehrpersonen ihrer Stichprobe die Funktion der Unterrichtsereignisse für die Lehr-Lernprozesse (richtig) erkannt und eingeordnet werden konnten. Selbst bei den „Experten“, die kritischen Situationen erkannt und bewertet haben, bleibt es ihres Erachtens wert zu untersuchen, „inwieweit die genannten Ereignisse mit Aspekten übereinstimmen, die in Forschungen zur Unterrichtsqualität als zentral für Lehr-Lernprozesse herausgestellt werden“. (157)


Frank Wenzel