Religionen: Trialog

Buchvorstellung - 29.09.2009

Karl-Josef Kuschel
Juden – Christen – Muslime. Herkunft und Zukunft

Düsseldorf: Patmos 2007
688 Seiten
ISBN 978-3-491-72500-3


Das umfangreiche neue Opus Kuschels „stellt Menschen aller drei Religionen die Grundfrage: Welchen Ort hat der je Andere für mich? Welchen Raum hat das je andere Glaubenszeugnis neben mir? Welche Herausforderung stellt es für mich dar?“

(23). Er will den Leser „hineinziehen in die komplexe Welt der Ur-Kunden von Judentum, Christentum und Islam“, die Texte „wieder neu sprechen lassen, sie miteinander in Beziehung setzen, Gesprächsfäden knüpfen, wechselseitig Dialoge eröffnen“, insgesamt: „interreligiös vernetztes Denken einüben und interreligiös vernetztes Handeln anstoßen“ (28). Dass der interreligiöse Dialog mehr als je zuvor von drängender Brisanz ist und keine „Saisonentscheidung“, sondern von vitaler Bedeutung der globalen Zukunft (37), muss wohl nicht eigens begründet werden. Der wirklich substanzielle und breitenwirksame Trialog der drei abrahamitischen Religionen befindet sich zwar aktuell (wieder) erst in den Anfängen, hat aber dennoch weit zurückreichende Wurzeln und ebenso ermutigende Beispiele vorzuweisen. Kuschels Bemühen um eine sachlich-differenzierte Darstellung sowie die dazu notwendig breite Wiedergabe von Dokumenten und Kronzeugen machen das Werk so umfänglich wie informativ. Kennzeichnend sind schon die Überschriften der (nochmals stark gegliederten) Teile des Buches: 1. Vom Konfrontations- zum Beziehungsdenken, 2. Adam oder: Gottes Risiko Mensch, 3. Noach oder: Gottes zweite Chance für die Schöpfung, 4. Mose oder: Der Kampf für ein „Grundgesetz des Menschenanstandes“, 5. Maria und Jesus oder: Zeichen Gottes für alle Welt, 6. Abraham oder: Das Risiko des Gottvertrauens. Das Besondere der hier praktizierten „Synopse“ ist, dass sie vom Koran ausgeht, also „chronologisch mit dem Ende eines Glaubensprozesses“ beginnt, „der mit Abraham begann, durch Mose und Jesus neu ausgerichtet und durch Mohammed zu einem Abschluss gebracht ist“ (110). Bei der Darlegung der facettenreichen und teils heiklen Materie (etwa im 5. Teil) bleibt Kuschel wohlwollend aber kritisch zu allen Seiten, insbesondere wo exklusivistische Positionen zu verzeichnen sind. Wer die „abrahamische Ökumene“ ernst nimmt, „hört auf, allein an das Wohl der Synagoge, der Kirche oder der Umma zu denken. Dem ist es nicht gleichgültig, wie es um das Schicksal anderer ,Geschwister‘ bestellt ist“ (609). Die Differenzen sollen dabei nicht überspielt werden, vielmehr heißt die Aufgabe, „diese unvereinbaren Wahrheitsansprüche gegeneinander in richtigem Geist gesprächsfähig machen“ (608). Genau das demonstriert das Buch in eindrucksvoller Weise und ist darin Einladung und Zumutung zugleich. Es dürfte daher zu einem ungemein spannenden Trialog kommen, wenn Gläubige der drei Wege nach der Lektüre ins Gespräch finden. Das ist der Sache und dem Buch zu wünschen. (Reiner Jungnitsch)


Quelle: Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bistum Limburg 36 (2007), Heft 4, Seite 207.

Wiederabdruck in: Religionsunterricht heute. Informationen des Dezernates Schulen und Hochschulen im Bischöflichen Ordinariat Mainz 36 (2008), Heft 1, S. 37.