Das Böse: Exorzismus?

Buchvorstellung - 04.08.2009

Ulrich Niemann/ Marion Wagner
Exorzismus oder Therapie?
Ansätze zur Befreiung vom Bösen

Regensburg: Verlag F. Pustet 2005
141 Seiten
ISBN 978-3-7817-1978-8

Immer wieder wird der umstrittene Ritus des Exorzismus zum Medienthema, zuletzt durch den amerikanischen Spielfilm “Der Exorzismus der Emily Rose”, der sich stark an den historischen (und tragischen) Fall der Anneliese Michel 1976 in Klingenberg anlehnt. Um so wichtiger ist ein solides Hintergrundwissen für Lehrende, wenn sie in der Schule auf die „Austreibung“ von Teufel und Dämonen angesprochen werden.

Dazu bietet das vorliegende Buch solide Informationen aus den Bereichen Exegese, Dogmatik, Pastoraltheologie, Liturgiewissenschaft und Psychiatrie/ Psychotherapie. Eine Zusammenfassung in 11 Thesen am Schluss bündelt die gemeinsame Analyse und Praxis-Empfehlung. Folgt man dieser Linie (die in den einzelnen Artikeln weiter entfaltet wird), ergibt sich dieser Befund: Die Rede vom Teufel entsteht in der Bibel relativ spät, gehört aber im Judentum zur Zeit Jesu und auch bei Jesus selbst zweifellos zum Weltbild. „Satan“ hat jedoch immer die untergeordnete Rolle eines Versuchers, eines Störers und stellt keine gleichwertige oder gleich starke „böse“ Macht gegenüber dem guten Gott dar. Menschen erfahren sich immer wieder in Strukturen kollektiver Bosheit (Auschwitz!), denen gegenüber sie sich machtlos fühlen. Die Rede vom Teufel als Person ist dann eine eher metaphorische, bestenfalls analoge Aussage. Sie stellt den Versuch dar, „über die furchtbare Realität des Abgrundbösen etwas mehr auszusagen als nichts.“ Ob es so etwas wie dämonische Besessenheit gibt, ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Möglicherweise bieten Medizin/Psychiatrie und Theologie einfach unterschiedliche Deutungsmuster der gleichen verstörenden Phänomene. Die klassischen Kriterien, um „Besessenheit“ und „Krankheit“ zu unterscheiden, sind vor dem Hintergrund heutiger humanwissenschaftlicher Erkenntnisse untauglich. Als seelsorgliche Hilfe empfiehlt sich statt des klassischen Exorzismus eine „Liturgie zur Befreiung vom Bösen“, die im Gebet mit dem Kranken und im Ritus um Befreiung vom Bösen bittet. Dazu haben Mitarbeiter dieses Bändchens (Klemens Richter, Manfred Probst) an anderer Stelle weiter führende Vorschläge entwickelt. Fazit: Das vorliegende Buch bietet für Lehrende eine vorzügliche Einführung in die theologische und psychologische Problematik des Umgangs mit dem Bösen. Fundamentalistische Kurzschlüsse, wie sie vor allem in neuen Freikirchen, aber nicht nur dort, an Boden gewinnen, werden vermieden. Ob freilich Schülerinnen und Schüler unmittelbar mit diesem Buch arbeiten könnten, scheint zweifelhaft. Die didaktische und methodische Umsetzung der Analysen dieses Buches bleibt Sache einer sorgfältigen Unterrichtsvorbereitung. Zum Thema Teufel/Satan wird dies z. T. an anderer Stelle geleistet (s. Rezension Okkultismus/ Satanismus). (Lutz Lemhöfer)

Quelle: Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bistum Limburg 36 (2007), Heft 1/2, S. XXX