Von der Pflicht

(Quelle: Goldmann Verlag)
Buchvorstellung - 19.05.2021

Precht konstatiert, dass die Mehrheit der Bundesbürger mit Pflichtbewusstsein, Anstand und Respekt für die Verletzlichsten in der Coronakrise reagiert, während eine lautstarke Minderheit rebelliert. Er untersucht die Hintegründe staatsbürgerlicher Verantwortung bei der Mehrheit und die Selbstenpflichtung einer Minderheit und macht einen Vorschlag zur Stärkung bürgerlicher Tugenden.


 

Richard David Precht

Von der Pflicht. Eine Betrachtung

München (Goldmann) 2021

173 Seiten

Als gebundenes Buch 18 €

ISBN: 9783442316397

Als EBook: 14,99 €

ISBN: 9783641281199

 

 

Zeiten der Ausnahme werfen ein Licht auf unsere Einstellungen. So zeigt sich Richard David Precht (*1964), Professor für Philosophie und Ästhetik, beeindruckt davon, dass sich die große Mehrheit der Bundesbürger an die Coronamaßnahmen der Regierung selbst dann hält, wenn man einige davon durchaus kritisch sieht. Motive sind die Wahrnehmung einer staatsbürgerlichen Pflicht, die Übernahme von Verantwortung, die Solidarität mit den besonders verletzlichen Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Doch der Einsicht der Mehrheit entspricht lautstarker Widerspruch einer Minderheit, der Solidarisierung der einen, die vollständige Entsolidarisierung der anderen.

Precht nimmt die vorgeschobenen „Argumente“, die solche Selbstentpflichtung als Staatsbürger rechtfertigen sollen, nicht wirklich ernst. Precht nennt es einen „Treppenwitz“, wenn die Querdenker sich mit den Verfolgten der nationalsozialistischen Selektions- und Vernichtungspolitik vergleichen, während doch ihre Verweigerung der Hygienevorkehrungen bewirkt, dass Menschen sterben, zuerst die Schwächsten. Ziel des Buches ist nicht, die „Coronaleugner“ zu überzeugen, sondern das Phänomen in größere gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen, Fehlentwicklungen aufzuzeigen, vor den Folgen zu warnen und die Bedeutung der staatsbürgerlichen Pflichten herauszuarbeiten.

In einem historischen Abriss schildert Precht die Entwicklung vom absolutistischen Staat, dessen Erhaltung zugleich sein Zweck war, zum Staat, der sich zunächst für die Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte zuständig erklärt, in der weiteren Entwicklung aber das Wohlergehen der Menschen, selbst über die Staatsgrenzen hinaus, zu seinem Daseinszweck erklärt. Es waren nicht immer hehre Absichten, was die Sozialpolitik voranbrachte. Zum Beispiel führten Absatzkrisen der maßgeblichen Industrien zu der Einsicht, dass man nicht nur fleißige Arbeitskräfte, sondern auch zahlungsfähige Kunden braucht, die auch noch Zeit zum Shoppen haben.

So wandelt sich allmählich auch die Einstellung des Bürgers zum Staat. Er sieht ihn heute als Dienstleister, stellt Ansprüche, und werden die nicht pünktlich erfüllt, entpflichtet sich der verwöhnte Kunde. Dass der Staat dem Bürger überhaupt Pflichten auferlegt, zum Beispiel eine Steuerpflicht, wird von radikalen Liberalen kaum mehr eingesehen. Der gut umsorgte und geschützte Wut- und Reichsbürger meint in seinem kindischen Trotz, ohne Schutz und Vorsorge auskommen zu können. Damit ist aber kein Staat zu machen. Es ist die so oft zitierte Einsicht von Ernst Wolfgang Böckenförde, dass der freiheitliche säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, dass sich nämlich seine Bürger anständig verhalten und seine Werte teilen, ohne dazu gezwungen zu sein. Gefragt ist der moralisch verantwortliche Mensch und engagierte Staatsbürger in einem emanzipierten Staat.

Gegen dieses Ideal arbeitet eine ökonomische Logik, die im Widerspruch zu ihrem Programm nicht die Leistung feiert, sondern den Erfolg. Flexible Preispolitik, noch einmal beschleunigt durch die Digitalisierung, züchtet die Menschen zu Schnäppchenjägern heran, auf Kosten der „Dummen“. Zum Beispiel bewirken flexible Beförderungspreise, dass diejenigen profitieren, die sich ihre Zeit frei einteilen können, während die draufzahlen, die nicht so flexibel sind, zum Beispiel Familien, die zum Reisen die Ferien nutzen müssen. Das Ende der Verlässlichkeit konditioniert dazu, an sich selbst zu denken und die Konkurrenten zu ignorieren; denn die Wirtschaftspsychologie zeigt, dass Menschen lieber die Bösen als die Dummen sein wollen. Übersättigt und angestachelt zugleich befindet sich der überreizte Konsument in ständiger Unzufriedenheit – auch mit der Politik. Konsumgesellschaft und Demokratie sind keine Verbündeten, sondern vielleicht Partner auf Zeit.

So gesehen ist die Corona-Rebellion weniger verwunderlich als die Tatsache, dass die große Mehrheit der Menschen in Deutschland weiterhin Werte wie Anstand und Rücksicht praktizieren, so dass der Regelverstoß als solcher auffällt. Wie lässt sich dies auf Dauer erhalten? – Dieser Frage widmet Precht das Abschlusskapitel seines Buches. Ökonomische Korrekturen am Turbokapitalismus erscheinen Precht unrealistisch; er setzt vielmehr auf eine Veränderung der inneren Haltung, eine Stärkung des Bürger- und Gemeinsinns. Dazu greift er einen 2011 von ihm selbst die die Debatte gebrachten Vorschlag auf, nämlich die abgeschaffte Wehrpflicht durch zwei soziale Pflichtjahre für alle zu ersetzen: Eines wäre nach dem Ende der Schulpflicht, das andere zum Renteneintrittsalter abzuleisten, quasi als verpflichtendes Ehrenamt mit 15 Wochenstunden. In seiner Auseinandersetzung mit dem zwischenzeitlich massiv vorgebrachten Widerspruch gegen seinen Vorschlag betont Precht, dass eine Dienstpflicht keine „Strafe“ ist, sondern die Erfahrung der Selbstwirksamkeit bezweckt. Mit Blick auf die jungen Menschen verweist er auf die Erfahrungen mit dem Zivildienst, während die Dienstpflicht für Ältere eine innovative Idee ist, für die noch keine Erfahrungen vorliegen außer der negativen, dass viele Rentner beklagen, mit ihrer Situation schlecht zurechtzukommen.

Precht hat in seinem Band einen wichtigen Beitrag zur Diagnose unserer gegenwärtigen Situation geleistet und seinen diskussionswürdigen Verbesserungsvorschlag von 2011 gegen Kritik verteidigt. Meines Erachtens entgeht ihm aber ein wichtiger Punkt, nämlich die Rolle der Aufmerksamkeit. Pflichterfüllung, Respekt und Anstand langweiligen die Medien, während der halbnackte Büffelmann im Kapitol die ganze Welt erregte, obwohl seine Aufmachung all denjenigen doch gar nichts sagt, die die komplexen selbst gestrickten Theorien des „QAnon-Schamanen“ nicht kennen. Genau da kommt der Glaube ins Spiel, der uns gewiss macht, dass jeder Schluck Wasser, mit dem wir einen Durstigen erfrischen, von Gott aufmerksam gesehen wird, dass sich also Barmherzigkeit als Intensivierung des Anstands lohnt, auch wenn in der Welt niemand hinschaut.

Dr. Karl Vörckel