Uwe von Seltmann: Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

(Quelle: Buchcover)
Cover
Buchvorstellung - 22.04.2021

Uwe von Seltmann
Wir sind da!
1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
 

 

Erlangen (homunculus Verlag) 2021
344 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 3946120814
29,00 EURO

Das Buch lässt sich am besten als eine Collage biografischer Skizzen beschreiben. Das Namensverzeichnis hat etwa 200 Positionen; es geht um Juden und einige wenige Menschen, die in Beziehung zum Judentum stehen. Die Lebensgänge werden im Zuge der Kapitel geschildert, einigen Kurzbiografien sind grafisch hervorgehobene Boxen gewidmet viele Juden werden im Portrait gezeigt. Schließlich sind im Buch Boxen enthalten, die zentrale Begriffe des Judentums, zum Beispiel die Bedeutung des Schabbat und die Unterschiede zwischen Sephardim und Aschkenasim, kurz und durch Illustrationen unterstützt vorstellen. Markige Zitate werden an vielen Stellen farbig und in Großschrift zum Memorieren angeboten. Das Buch ist Grafisch gelungen; es lädt dazu ein, bei einem Bild, einem Satz einzusteigen, um weiter zu lesen oder zu schauen.


Man muss dem Stoßseufzer des Autors im ersten Kapitel des Buches Verständnis entgegenbringen, dass die Darstellung der 1700 Jahre jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschland einer Quadratur des Zirkels gleichkommt, aber die sechs Großkapitel des Buches sind immerhin ein Lösungsvorschlag: Das zweite Kapitel widmet sich der Aufgabe, deutsch-jüdische Kultur aufzufinden und zu erhalten, das dritte stellt die Frage, ob ein normales jüdisches Leben in Deutschland überhaupt möglich ist. Dem folgen drei historisch orientierte Kapitel: Kapitel 4 präsentiert sieben Portraits aus den unterschiedlichen Epochen jüdischen Lebens in Deutschland, Kapitel 5 behandelt chronologisch die Geschichte des Judentums in Deutschland von 321 bis zur Aufklärung (etwa 1780), Kapitel 6 die Geschichte jüdischen Lebens seither, also den langen Weg zur Gleichberechtigung der Juden in Deutschland, die Blütezeit jüdischen Lebens in Kaiserzeit und Weimarer Republik, Anfeindungen, schließlich die nationalsozialistische Politik der Vernichtung des europäischen Judentums und der Wiederbeginn jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Abgerundet wird das Werk durch eine Zeittafel und ein Namensregister. Leider wurde kein Ortsregister hinzugefügt, das es Unterrichtenden und Lernenden erleichtern würde, nach Spuren jüdischen Lebens in der eigenen Umgebung zu suchen.


Zwei miteinander zusammenhängende Themen ziehen sich als rote Fäden durch die Schilderungen: Immer wieder wurden und werden Juden zum Verlassen ihrer Wohngebiete gezwungen, immer wieder gedrängt und verlockt, die jüdische Religion abzulegen und sich der vorherrschenden Religion oder in der Neuzeit dem Säkularismus anzuschließen. Das führt zweitens zu inneren Konflikten innerhalb des deutschen Judentums, etwa wenn sich Gruppen begegnen, die einen vollkommen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund haben wie zuletzt wieder bei der Einwanderung von 200.000 Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren. Auch ringen seit vielen Jahren assimilationsbeflissene Juden mit streng orthodoxen um die richtige Auslegung ihrer Grundsätze.
Selbstverständlich werden in einem solchen Buch die Lichtgestalten deutsch-jüdischer Geschichte gewürdigt: Albert Einstein und Moses Mendelssohn, das Vorbild für Lessings Figur des Nathan der Weise, Anne Frank und Glückl von Hameln, die Autorin einer herausragenden Autobiografie und Milieuschilderung aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der kürzlich verstorbene Marcel Reich-Ranicki, der die Literaturkritik popularisierte, und die Grünen-Politikerin Marina Weisband, geboren 1988, die dem Judentum in Deutschland ein junges Gesicht gibt. Es werden auch ambivalente Personen porträtiert, zum Beispiel der Nobelpreisträger Fritz Haber, der durch seinen Beitrag zur Verbreitung der Stickstoffdüngung die Beseitigung des Hungers beförderte, der anderseits als Erfinder des Gaskriegs gilt; allerdings hat sein Einsatz im ersten Weltkrieg nicht verhindert, dass die Nazis ihn aus Deutschland vertrieben und er 1934 auf der Reise Richtung Israel verstarb.


„Die jüdische Gemeinschaft nach dem Holocaust registriert antisemitische Vorkommnisse mit äußerster Sensibilität,“ sagt der jüdische Historiker Michael Brenner. Unter diesen Voraussetzungen versuchen Jüdinnen wie Charlotte Koblauch, die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland „aus dem Überleben ein Leben zu formen“. Nach Peter Graumann ist mit Josef Schuster nunmehr der zweite Vorsitzende des Zentralrates der Juden gewählt worden, der nach dem Krieg geboren wurde. Leichter ist es dadurch nicht unbedingt geworden, und im Buch werden neben den fortlebenden „Verschwörungstheorien“ (Marina Weisband) die „Überidentifizierung mit den Juden angesichts der unaufgearbeiteten Vergangenheit“ (Dimitri Belkin) beklagt. Von Seltmann bemerkt in einer Infobox, dass der Zentralrat der Juden in der deutschen Bevölkerung mehr Vertrauen genießt als die katholischen und evangelischen Kirchenleitungen. Es ist selbstverständlich, dass die Erinnerung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland unter Teilnahme der höchsten Repräsentanten des Staates gefeiert wird. Deutschland ist dankbar, dass Juden in diesem Land leben; aber es gibt viel zu lernen.


Für den Religions- und Geschichtsunterricht ist das Buch eine reiche Fundgrube, weil durch die biografische Perspektive Geschichte konkret wird. Die Vielfalt jüdischen Lebens, seine Bedrohungen und Anfeindungen können nachvollzogen werden. Dazu im Kontrast steht ein herausgehobenes Zitat von Marina Weisband: „Ich will nicht mehr Erinnerung an jüdisches Leben in Deutschland. Ich will mehr jüdisches Leben in Deutschland.“

Das Buch endet mit dem trotzigen Gedicht „Deduschka“ des 1977 in Israel geborenen Rappers Ben Salomo, die Pointe: „Wir lassen uns nie mehr verjagen.“ Gut so.

Dr. Karl Vörckel