Der Gotteswahn

Nachrichten | 12.09.2007

Lesen! Empfiehlt der Professor für Fundamentaltheologie Magnus Striet. Den Grund nennt er auch: um das eigene Denken zu schärfen.

In den USA längst ein Bestseller geworden, liegt die unter dem Originaltitel „The God Delusion“ publizierte Generalabrechnung von Richard Dawkins mit religiösen Weltanschauungen nun in deutscher Übersetzung vor. Zu begrüßen ist dies deshalb, weil auch bereits Der Spiegel (22/2007) dem „Kreuzzug der neuen Atheisten“ einen Leitartikel widmete und deren Thesen einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Doch bei näherem Hinsehen gibt Dawkins Buch reichlich Anlass zur Verwunderung. Denn was er an Argumenten gegen die Religionen vorlegt, ist wahrlich nicht neu und dabei vor allem theorieschwach.

Lesen! Empfiehlt der Professor für Fundamentaltheologie Magnus Striet. Den Grund nennt er auch: um das eigene Denken zu schärfen.

In den USA längst ein Bestseller geworden, liegt die unter dem Originaltitel „The God Delusion“ publizierte Generalabrechnung von Richard Dawkins mit religiösen Weltanschauungen nun in deutscher Übersetzung vor. Zu begrüßen ist dies deshalb, weil auch bereits Der Spiegel (22/2007) dem „Kreuzzug der neuen Atheisten“ einen Leitartikel widmete und deren Thesen einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Doch baei näherem Hinsehen gibt Dawkins Buch reichlich Anlass zur Verwunderung. Denn was er an Argumenten gegen die Religionen vorlegt, ist wahrlich nicht neu und dabei vor allem theorieschwach. Zum einen sprechen in Dawkins Augen die Verbrechen im Namen der Religion gegen deren Wahrheitsanspruch. Er zieht hier etwa einen direkten Vergleich zwischen Abraham, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern, und der Verteidigungsstrategie von Nazischergen während der Nürnberger Prozesse, die sich darauf beriefen, nur Befehle ausgeführt zu haben. Ob hier dann nicht doch Unterscheidungen fällig wären zwischen der eigentlichen Aussagegestalt der biblischen Texte und dem, was Menschen im Laufe der Geschichte aus ihnen gemacht haben, sei dahin gestellt. Natürlich kann es nicht darum gehen, diese Verbrechen zu leugnen. Darüber jedoch das humanisierende Potenzial zumindest von vernunftgesteuerten Religionen völlig herunterzuspielen, ist historisch blind. Was die Theorieseite der Religionskritik angeht, findet sich bei Dawkins ein Gemisch von Auseinandersetzungen mit Argumenten aus der Tradition der Gottesbeweise und dem Versuch, das Aufkommen von Religionen und deren Wert- und Moralvorstellungen evolutionstheoretisch zu erklären. Religionen werden in dieser Logik zu einem Nebenprodukt komplexer evolutiver Prozesse. Wobei Dawkins nicht vergisst, auf die zumindest vorübergehenden Vorteile religiöser Vorstellungen und Praktiken für die Evolution von Gesellschaften hinzuweisen. Was falsch ist, kann eben trotzdem gut funktionieren. Nur dass sich diese Vorteile inzwischen überlebt haben und inzwischen die andere - zerstörerische - Seite der Religionen sichtbar wird, wie Dawkins meint.

Soll man dieses Buch lesen? Ja. Denn in ihm finden sich viele populäre Argumente gegen die Religionen, so dass man das eigene Denken schärfen kann. Bewegt es sich auf dem Theorieniveau der Gegenwart? Nein. Um nur ein Argument zu nennen: Auch wenn religiöse Vorstellungswelten innerhalb der Evolution entwickelt wurden, evolutive Faktoren also durchaus zugeben werden müssen, so entscheidet dies noch nicht darüber, ob der Wahrheitsanspruch der Religionen richtig oder falsch ist. Bezogen auf die monotheistischen Religionen: Es könnte ja selbst dann ein Gott existieren, wenn kein Mensch je auf diese Idee gekommen wäre. Magnus Striet      

Magnus Striet, geb. 1964, ist Professor für Fundamentaltheologie in Freiburg und Autor einer wachsenden Zahl theologischer Sachbücher, zuletzt: Gestorben für wen? Freiburg: Herder 2007 (bvMedienNr.: 555 973).

© Borromäusverein Bonn e.V. 2007

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