Helden, neue Mythen und Weltanschauungen

Nachrichten | 02.03.2007

Gießener Theologie-Professor Linus Hauser über die Entwicklung von Neomythen und das neu erwachende Interesse an Religion - Tagung für Religionslehrerinnen und -lehrer

Spannende Vorträge und die Auseinandersetzung mit modernen Entwicklungen erwarteten die 180 ReligionspädagogInnen, die zur Fortbildung gekommen waren. Mehr über Helden, Mythen und Weltanschauungen erfuhren 40 von ihnen in der Arbeitsgruppe mit Professor Hauser. Eine zweite Gruppe erfuhr mehr über das Konzept der religionspädagogischen Praxis durch ihren Begründer, den heute 73jährigen Religionspädagogen Franz Kett, der in eindrucksvoller Weise praktisch arbeitete.

LIMBURG.- Will man die Figur "Harry Potter" einordnen, dann könnte man sagen, dass er eigentlich die Figur eines klassischen Helden verkörpert. Das jedenfalls meint der Gießener Theologie-Professor Linus Hauser. Mehr über Helden, neue Mythen und Weltanschauungen erfuhren rund 40 von 180 Teilnehmern des diesjährigen Don-Bosco-Tages, dem Tag der Religionspädagogik im Bezirk Limburg, in Lindenholzhausen, die sich auf eine literarische Arbeit und inhaltliche Filmarbeit mit Professor Hauser einließen. In einer zweiten Arbeitsgruppe ging es um die ganzheitliche Arbeit mit Kindern in Kindergärten, Grund- und Förderschulen, die von dem Münchener Religionspädagogen Franz Kett, dem Begründer der Kett-Methode, vorgestellt wurde.

Warum entwickeln sich in unserer Zeit so viele Neomythen, warum das große Interesse an Religion? Jegliche Weltanschauung, so Hauser, ist begründet auf der menschlichen Erfahrung der Endlichkeit und andererseits auf dem Wunsch des Menschen, diese Endlichkeit zu überwinden. Der Mensch erfährt sich als geschaffen, möchte aber Anteil an dem Schöpferischen und Unsterblichen haben. Mythen, so Hauser, dienen dabei dazu, die Erfahrung des Endlichseins begreifbar zu machen und ihr das Angstpotential zu nehmen. Der Mythos wird zum Hilfsmittel, um Angst zu überwinden, Magie erlaubt es, alles mit seinem richtigen Namen anzusprechen und so begreifbar zu machen.

In Mythen tauchen Menschen auf, die scheinbar dieser Endlichkeit trotzen können: die Helden. Sie werden meist unter außergewöhnlichen Umständen geboren, erfahren irgendwann in der Phase des Heranwachsens ihre besondere Aufgabe und Bestimmung und machen sich dann auf - oft durch einen äußeren Anlass angestoßen - diese Aufgabe zu erfüllen und gleichzeitig erwachsen zu werden. Trotz aller Kraft und auch magischer Fähigkeiten aber überwinden sie die Endlichkeit des Menschseins nicht. Der Held bleibt verletzlich und hat seine Schwachstellen. Er bleibt trotz übermenschlicher Taten ein endlicher Mensch und wird höchstens durch das Eingreifen des Göttlichen über sein endliches Menschsein hinausgehoben.

Für Professor Hauser erfüllen moderne Helden wie Harry Potter, Frodo in der Tolkien-Trilogie "Herr der Ringe" oder auch Luke Skywalker in "Star Wars" diese Kriterien eines Helden des klassischen Mythos. Was sich jedoch in den neuen Mythen geändert hat, ist das Verständnis des Göttlichen. Statt personaler Gottheiten oder dem trinitarischen Gottesbild des Christentums geht es nur noch um eine gesichtslose, göttliche Kraft, die allem innewohnt. "Möge die Macht mit dir sein", lautet das zentrale Glaubenscredo in "Star Wars".

Nach Professor Linus Hauser wird im Gegensatz zu dem Helden der klassischen Mythen in den Neomythen und religionsförmigen Symbolwelten der Mensch selbst zum Schöpfer, zum Retter aus eigener Kraft. Überlegene Technik und unbeschreibliche geistige Kräfte erlauben es dem Helden, aus eigener Kraft die Rettung herbeizuführen. Dies liegt nach Meinung von Professor Hauser daran, dass gerade auch in der wissenschaftlichen Welt ein Glaube an die Allmacht der Wissenschaft wächst. "Vieles ist technisch-wissenschaftlich machbar geworden, und wenn die Menschen nur noch ungefähr tausend Jahre zur Verfügung haben sollten, um sich weiterhin wissenschaftlich-technisch zu organisieren, so wird fast alles machbar geworden sein. Wer (fast) alles selbst machen kann, der bedarf keines Schöpfers mehr", so die Schlussfolgerung Hausers.

Trotz dieses Glaubens an die Allmacht der Wissenschaft sieht sich der moderne Mensch einer vierfachen Verunsicherung gegenüber. Zum ersten steht die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Kosmos, sondern ist ein Staubkorn inmitten eines unendlich scheinenden Universums. Durch die darwinische Evolutionstheorie wurde die Herkunft des Menschen in eine nebulöse Vergangenheit verlagert und der tierische Charakter des Menschen bewusst gemacht. Freud entdeckte das Verlorensein des Menschen in der Tiefe seiner Psyche und letztlich wächst die Befürchtung, dass von Menschen geschaffene Intelligenz irgendwann den Menschen selbst überflügeln wird. Hier haben die Neomythen ihren Ausgangspunkt. Sie propagieren einen Menschen als Neugott, der sich selbst retten kann und die Endlichkeit überwindet.

Ganz anderes im Sinn hatten die übrigen Teilnehmer des Don-Bosco-Tages, die sich anhand praktischer Beispiele von Franz Kett in die nach ihm Benannte Kett-Methode der religionspädagogische Praxis einführen ließen. Das Konzept des heute 73-jährigen Religionspädagogen hat seinen Ursprung in Erfahrungen und Methoden aus der Kindergartenpraxis und der Grundschule. Dabei geht es um eine religiöse Erziehung, die mit dem Einüben allgemeiner Grundeinstellungen wie Daseinserfahrungen, Gruppenbildung, Rücksichtnahme oder Entdeckung von Wechselbeziehungen von Geben und Nehmen beginnt. Das spielerische Entdecken und Wiederholen dieser menschlichen Erfahrungen wird in der Kett-Methode weitergeführt und für religiöse Erfahrungen genutzt.

Anhand eines Beispieles demonstrierte Franz Kett in einer vierten Klasse der Grundschule seine Methode. Im Spiel wurden die Kinder zu lebendigen Steinen, die eine Kirche bauen. Sie ersetzten die Steine, die in der gespielten Geschichte verloren gingen. In diesem Spiel lernten die Kinder viel über ihre eigene Identität und über Gemeinschaftssinn. Über die Einführung am Don-Bosco-Tag hinaus, bot Franz Kett am folgenden Tag eine weitere Fortbildungseinheit an, die ebenfalls großen Anklang fand.

Begonnen hatte der Don-Bosco-Tag mit einem Morgenlob und der Begrüßung durch den Leiter des Religionspädagogischen Amtes, Franz-Josef Arthen. Dieser wehrte sich deutlich gegen Vorwürfe, kirchliche Lehrerfortbildung sei nur eine angenehme Gelegenheit, einen freien Tag zu genießen. Er unterstrich, dass diese Fortbildung jedem Pädagogen vom Gesetz her zustehe und wohl auch gewünscht werde, wie die Bereitschaft von über 60 Teilnehmer zeige, am nächsten Tag ihre Freizeit für die Fortbildung mit Franz Kett zu opfern. (ID07116)

Quelle: Bistum Limburg

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