(Quelle: friedrich-stark.de)

"Es ist mir eine Ehre Lehrende und Lernende zu treffen."

Nachrichten | 06.10.2023

Anlässlich des Weltmissionsmonat 2023 ist die Libanesin Juliana Sfeir, Progammmagnagerin des Bildungsprogramms SAT 7 "Academy" beim ökumenischen Fernsehsender SAT 7, in Deutschland. Wer will, kann sie im Onlinemeeting oder persönlich treffen. Zusätzlich stellt missio München kostenloses Unterrichtsmaterial zur Verfügung.

Der Libanon vor dem Kollaps. Bleibt die Bildung auf der Strecke? Die Produzentin und Managerin des ökumenischen Bildungsprogramms Sat 7 "Academy" des ökumenischen Fernsehsenders Sat 7 in Beirut Juliana Sfeir berichtet im Interview von dem täglichen Kampf der Schulen. Dabei geht es schon lange nicht mehr um Religionsunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft, sondern darum, ob Unterricht überhaupt noch stattfindet. 

Was ist das Besondere an dem libanesischen Bildungssytem?

Laut einem Bildungsbericht des Weltwirtschaftsforums liegt der Libanon auf dem vierten Platz unter den besten Ländern für den Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht weltweit. Außerdem ist der Libanon laut diesem Bericht das zehntbeste Land, wenn es um die Bildungsqualität geht. Das bedeutet, dass wir für unsere Bildung weltweit geschätzt werden, und das freut uns natürlich sehr.

Das libanesische Bildungssystem ist kompliziert. Es besteht aus fünf Zyklen. Jeder Zyklus ist noch einmal in drei Abschnitte unterteilt. Es gibt Vorschul-, Grund- und Sekundarstufe. Der Vorschule (cycle 1) fängt bereits im Alter von drei Jahren oder vier Jahren an. Sie wird nur im Bereich der Privatschulen angeboten. Wir nennen die drei Jahre vor dem Schuleingang auch Kindergarten (KG1), KG2 und KG3.

An öffentlichen Schulen beginnt die Grundschule mit sechs Jahren und ist verpflichtend bis zum 14. Lebensjahr. So etwas wie Vorschule gibt es hier nicht. Die Kinder starten direkt mit der Grundschule. Erst danach kommt die Universität.

Also Sie unterscheiden im Libanon zwischen zwei Arten von Schulen? 

Ja. Das libanesische Bildungssystem ist grob in zwei unterschiedliche Schularten unterteilt: die Privatschulen und die öffentlichen, staatlichen Schulen.

Die Privatschulen und Universitäten erheben Schulgebühren und Bildung liegt in der Verantwortung der Religionsgemeinschaften, wie zum Beispiel der Katholiken. Sie betreiben die großen Universitäten und Schulen. 

Der Libanon verfügt heute über ein breites Spektrum an Bildungseinrichtungen. Abgesehen von Privatschulen, die von westlichen Kirchen wie den Franzosen, den Angelsachsen, den Deutschen und den Italienern gegründet wurden, gibt es in der lokalen internationalen Gemeinschaft eine Vielzahl weltlicher und religiöser Schulen. Und heutzutage gelten die säkularen Schulen als die besten, angesagtesten, aber auch teuersten, wie zum Beispiel die American Community School Beirut (ACS Beirut) oder das Grand Lycée Franco-Libanais. Die meisten dieser Schulen werden in der Regel von privaten Religionsgemeinschaften finanziert. 

Also diese Zweiteilung hat historische Wurzeln? Welche Religionsgemeinschaften gibt es?

Die Jesuiten, also die Katholiken, und die Maroniten kamen 1625 in den Libanon. Heute sind die Maroniten die wichtigste Konfession im Libanon. Sie gründeten die ersten Schulen. Die presbyterianischen Missionare, die Protestanten, finden sich ab 1866 im Libanon und starteten gemeinsam mit den Katholiken einige erfolgreiche – nennen wir es mal Konkurrenzprojekte - mit den Katholiken. Sie gründeten die AUB, die American University Beirut und das BUC, das Beirut University College. Diese Universitäten sind mittlerweile zu einer säkularen Einrichtung der Oberschicht geworden. Sie gehören zu den besten, angesagtesten und teuersten Schulen.

Darüber hinaus gibt es Makassed-Schulen, aus islamischer Sicht öffentliche Schulen, in verschiedenen Gebieten des Libanon, die in Moscheen gegründet wurden und von wohlhabenden islamischen Nationen wie Saudi-Arabien oder den Golfstaaten unterstützt werden. Diese Vielfältigkeit an religiösen Bildungseinrichtungen hat im Libanon zu einigen Spaltungen beigetragen, insbesondere diejenigen, die radikal und extrem sind. 

Worin bestehen grundsätzlich die Herausforderungen für Lehrer und Schüler im Schulalltag?

Bildung im Libanon ist grundsätzlich anspruchsvoll. Die Kinder müssen mit einem umfangreichen Lehrplan zurechtkommen und sehr schwierige Prüfungsstufen und Staatsexamen absolvieren. Auf ihnen lasten hohe Erwartungen und es gibt unendlich viele Regeln, die sie einhalten müssen, um es bis zum High-School-Abschluss zu schaffen. Ein Schultag dauert zwischen sechs und acht Stunden. Vormittags gibt es nur eine halbe Stunde Pause. Eine zweite halbe Stunde dann zum Mittagessen. Es gibt kaum Ruhezeiten und der Tag ist vollgepackt mit Lernstoff und Unterricht.

Natürlich gibt es im Libanon Schulen, die stolz auf ihr umfangreiches Bildungsangebot sind. Manche Familien prahlen damit, dass ihre Kinder nur zum Schlafen zu Hause kommen. Das halte ich für übertrieben, aber es macht deutlich, welche gesellschaftliche Bedeutung gute Bildung im Libanon hat. Das Ansehen der Familie hängt davon ab, welche Schule die Kinder besuchen.

Angesichts der tiefen Krise im Libanon kommen auch hierzulande immer häufiger Meldungen an, dass viele Schulen schließen müssen. Welche Auswirkungen haben die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise auf die Schulen? Geht es in erster Linie darum, ob der Unterricht überhaupt noch stattfindet? 

Das Hauptproblem besteht tatsächlich darin, dass die Menschen ihre Bildung nicht mehr bezahlen können. Im Libanon gibt es teure und günstigere christliche Schulen. Jede Einrichtung, auch wenn sie teuer ist, bietet bis zu einem gewissen Grad Hilfe an. Aber es kommt nicht selten vor, dass Familien für ihre Kinder überhaupt nicht bezahlen. Dann müssen sie eine öffentliche Schule besuchen. Das hat zur Folge, dass die öffentlichen Schulen überfüllt sind. Und zwar mit allen Religionen. Die öffentlichen Schulen haben also Christen, Muslime und darüber hinaus nehmen sie auch noch die Flüchtlinge auf, die nach wie vor zahlreich im Libanon sind. Deshalb sind öffentliche Schulen überlastet und überfordert.

Der Lehrplan bleibt derselbe und die Qualität des Unterrichts leidet. Lassen Sie mich das näher erklären, denn das ist eine große Herausforderung für Schulen: Lehrer unterrichten nicht mehr so, wie noch vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Heute werden sie sehr schlecht bezahlt. Aufgrund der Inflation liegt das durchschnittliche Gehalt von Lehrern heute zwischen 50 und 150 US-Dollar. Als Folge der Krisen verdienen Lehrer also etwa 75 Prozent weniger.

Das Gleiche gilt auch für die Eltern. Auch die Eltern haben kein Einkommen mehr. Viele Lehrer nehmen zusätzlich Gelegenheitsjobs an. Sie haben keine Zeit mehr, zu unterrichten, oder tun dies nur noch unzuverlässig. Sie sind müde, weil sie drei oder vier Zusatzjobs haben, um über die Runden zu kommen. Einige von ihnen unterrichten gar nicht mehr, weil es sich finanziell nicht mehr lohnt. Die Krisen haben also schlimme Auswirkungen auf diese Menschen in der öffentlichen Schule, egal ob Eltern oder Lehrer, egal welche Religion oder Glaube. 

Auch der private Bildungssektor ist von der Finanzkrise betroffen und wir haben viele Eltern, die zugeben, dass ihre Kinder jetzt öffentliche Schulen besuchen. Das bestätigt wieder, dass viele öffentliche Schulen überlastet sind, weil sich die Libanesen die private Regelschule nicht mehr leisten können.

Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass Menschen das Land verlassen werden?

Diese Krise hat schlimme Auswirkungen. Vor allem an öffentlichen Schulen, aber auch an Privatschulen. Diejenigen, die es sich noch leisten können, ihr Leben zu verändern – ich habe eine grobe Zahl von etwa 78 Prozent der Lehrer und Eltern – verlassen das Land, in der Hoffnung, woanders ein besseres Leben führen zu können. Ich sage nicht 78 Prozent der gesamten Bevölkerung, aber 78 Prozent derjenigen, die die Finanzkrise nicht mehr aushalten. Sie sind woanders hingegangen oder zumindest ist ein Elternteil auf der Suche nach besser bezahlter Arbeit ins Ausland gegangen. So besteht für die Menschen noch eine vage Hoffnung, ihren Familien Geld zu schicken.

Wir haben viele private Tragödien unter den Familien. Für unser Land bedeutet das langfristig gesehen, dass die Menschen weniger gebildet sind, weil die Bildungsqualität sinkt und die gut Ausgebildeten das Land verlassen, das Wissen also abwandert. Das ist eine Katastrophe für unsere Gesellschaft.

Wir wissen mit Sicherheit: Fast ein Drittel der Eltern, deren Kinder bisher auf Privatschulen waren, haben ihre Kinder jetzt im öffentlichen Sektor angemeldet. Doch der Wechsel von einer gut bezahlten Schule zu einer öffentlichen Schule ist ein Tabu im Libanon. Deswegen gehen wir davon aus, dass es wahrscheinlich mehr als etwa 30 Prozent sind. Viele Eltern werden nicht zugeben, dass ihr Kind jetzt in Makassed oder einer anderen öffentlichen Schule ist, von der bekannt ist, dass das Bildungsniveau schlecht ist.

Wie begegnen Sie mit ihrem Fernsehsender dieser gesellschaftlichen Bildungskatastrophe? 

Mit unserem Bildungsprogramm „Meine Schule“ haben wir versucht, diese Tendenz der Menschen- und Wissensmigration entgegenzuwirken. Und deshalb danken wir missio: Als missio uns bei der Entwicklung der fünften Staffel der nonformalen Bildung „Meine Schule“ geholfen hat, hatte das eine große Wirkung! Das Programm ist kostenlos, man kann es online haben, es war in den sozialen Medien, es ist auf digitalen Plattformen, wir haben uns mit anderen Leuten zusammengetan, um es zugänglich zu machen, und ich entwickle derzeit immer noch eine Strategie, um es in den Communities und unsere jeweiligen Partner zu streuen. Es nimmt kein Ende. Wir können alle unsere Schüler und Familien erreichen, insbesondere diejenigen, die sich eine Ausbildung nicht mehr leisten können.

Die Medienexpertin und Journalistin Juliana Sfeir ist anlässlich des Weltmissionssonntags in Speyer zu Gast in Deutschland. 

 

Was unterrichten Sie zum Beispiel auf der „My School“-Plattform?

Tatsächlich haben wir es geschafft, in der fünften Staffel des Programms das höchste Bildungsniveau zu erreichen, das jede erstklassige und teure Schule hat. Es handelt sich also um den libanesischen Lehrplan mit einzelnen Modulen unterschiedlicher Themen. Es ist um ein ganzheitliches Bildungsprogramm aus Mathematik, Naturwissenschaften, Physik, Technik und Ingenieurwesen, ähnlich wie STEM-Learning. Und es hat einen Welleneffekt. Wir hoffen, dass die Organisationen vor Ort uns dabei helfen, in den Gemeinden und in unserer Gesellschaft etwas zu bewirken.

Welche Auswirkungen hat die Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 noch immer auf ihre Arbeit?

Es ist sehr traurig. Es ist äußerst traurig zu wissen, dass etwas so Schreckliches an zweiter oder dritter Stelle nach Hiroshima steht. Wissen Sie, wir nennen es Beirutchima. Es ist traurig, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Die Explosion im Hafen von Beirut ereignete sich mitten in einer globalen Pandemie. Es war die COVID-19-Pandemie und für den Libanon war es eine Welle des finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Die Inflationsrate betrug 80 Prozent. Es war schrecklich… Es konnte keinen schlimmeren Zeitpunkt für diese Katastrophe geben!

Heute ist die Inflationsrate höher als je zuvor. Sie liegt bei 264 Prozent und der Großteil der Bevölkerung ist nicht in der Lage, über die Runden zu kommen. Die Leute haben keine Arbeit oder sie haben drei oder vier Jobs. Und Gerechtigkeit für die Opfer der Hafenexplosion fehlt noch immer. Nichts hat sich verändert. Das libanesische Volk hält an jedem Jahrestag noch immer Gedenkfeiern und Mahnwachen ab. Seit drei Jahren tragen wir Plakate mit der Forderung nach Gerechtigkeit. Die Menschen veranstalten kleinere, stillere Proteste … Ich meine, es gibt noch immer Menschen, die nicht gefunden wurden. Natürlich kann man es Müttern nicht verübeln, wenn sie nach drei Jahren immer noch glauben, dass ihr Baby vielleicht noch immer unter den Trümmern oder vielleicht im Meer lebt, oder sonst wo. Ich weiß auch nicht, … ehrlich gesagt kann man es ihnen nicht verübeln.

So, drei Jahre nach der Explosion am 4. August wurden bis heute noch immer keine Beamten zur Rechenschaft gezogen. Das ist ein Symbol für ein zutiefst politisiertes und gelinde gesagt dysfunktionales Justizsystem. Im Libanon gibt es keine Gerechtigkeit. Die Explosion ereignete sich aufgrund eines riesigen Vorrats an Ammoniumnitrat. Noch immer erzählt man uns, dass dieses Zeug illegal gelagert wurde. Wie konnte das geschehen?

Der Richter Tarek Bitar, der sich dem Fall annehmen sollte, wurde sanktioniert und festgesetzt. Was sagt es Ihnen das also? Das Land ist gespalten. Da es keine innerstaatliche Gerechtigkeit gibt, fordern Familien, Einzelpersonen und Organisationen jetzt internationale Unterstützung, das ist unsere einzige Hoffnung. Wir glauben nicht an interne Lösungen! Das ist sehr traurig. Unsere einzige Hoffnung ist die internationale Gemeinschaft.

Was erwarten Sie von Ihrer Reise nach Deutschland?

Es ist mir eine Ehre, interessierte Lehrer und Schüler kennenzulernen. Ich freue mich über jede Frage, die ich ihnen beantworten kann. Es gibt unzählige Möglichkeiten, uns zu helfen oder zu unterstützen. Auf jeden Fall großartig! Ich möchte sie gerne kennenlernen. Ich möchte Ihnen auch erzählen, was missio für uns getan hat, für Sat7. Wir sind noch nicht fertig mit der Auswertung unserer Erfolge in der Wirkung unseres Projektes und mit dem, was wir noch erreichen können. missio hat uns mit Menschen zusammengebracht, die aus offenen Verhältnissen stammen und sehr gebildet sind. Sie sind an neuen Lernmethoden und Wegen interessiert, Jugend zu erreichen. Das System und das Netzwerk, das uns von missio zur Verfügung gestellt wird, hat es uns ermöglicht, Analphabeten, ob jung oder alt, zu erreichen, ohne dass sie sich schämen müssen. Wir haben dadurch viele Barrieren überwunden. Ich kann es kaum erwarten, Ihnen davon zu erzählen, und ich bin gespannt darauf, von Ihnen noch mehr zu lernen.

 

Haben Sie Fragen an Juliana Sfeir? Am 17. Oktober findet ein Online-Talk statt. 

Möchten Sie mehr über ihre Arbeit beim ökumenischen Sender SAT 7 erfahren? Hier geht es zur Homepage.

Ein Überblick über "SAT 7, christliches Satellitenfernsehen für die arabische Welt" finden Sie hier.

Mehr Informationen auch auf youtube: missio-Film von Fritz Stark über die Arbeit von Juliana Sfeir

 

Monat der Weltmission: 

Der Monat der Weltmission ist die größte weltweite Solidaritätsaktion der Katholikinnen und Katholiken weltweit und wird traditionell vom Internationalen Katholischen Missionswerk missio ausgerichtet. Jedes Jahr lädt das Hilfswerk dazu Akteure aus Partnerländern nach Deutschland ein, um über Probleme im Heimatland und über ihre Arbeit zu berichten.

Auch die Journalistin Juliana Sfeir ist in diesem Jahr dabei. Wenn Sie Juliana treffen möchten, dann finden Sie ihre im aktuellen Programmheft

Hintergrundinformationen liefern die aktuellen Reportagen im missio magazin aus dem Libanon. Kinder des Krieges und Ruinierte Hoffnungen in gescheitertem Staat

Höhepunkt des Monats der Weltmission ist in diesem Jahr der 22. Oktober 2023, der Sonntag der Weltmission. Er steht unter dem Leitwort "Ihr seid das Salz der Erde" (Mt 5,13). Die zentralen Festlichkeiten werden im Bistum Speyer ausgerichtet. Alle Termine und Veranstaltungen finden Sie hier.

Kostenlose Materialien für den Unterricht, spirituelle Impulse, Informationen über alle Gäste inklusive Reportagen aus den Schwerpunktländern finden Sie hier.

Das missio magzin 5/2023 zum Monat der Weltmission finden Sie hier.

Der Blick durch die Linse: mehr Eindrücke vom Auslandsfotografen Friedrich Stark aus dem Libanon oder weltweit inden Sie hier

 

(ck)

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