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Zeitzeuginnen im Netz

Nachrichten | 17.01.2023

Als Mädchen entkam Tova Friedman nur knapp dem Tod in Auschwitz. Heute erzählt die 84-Jährige ihre Geschichte auf TikTok und YouTube. Längst berichten Zeitzeugen nicht mehr nur in Schulen von ihren Erlebnissen im Nationalsozialismus, sondern auch im Netz. Wir stellen Apps, YouTube-Kanäle und Accounts in den sozialen Medien vor.

 

„Ich hatte Glück. Also muss ich jetzt eine Zeugin sein für sie, für das, was ihnen angetan wurde. Denn sie sind nicht mehr da, um zu erzählen“, erklärt Tova Friedman in einem Interview mit dem ARD-Magazin "titel thesen temperamente". Mit „sie“ meint die gebürtige Polin, die heute in den USA lebt, die rund 1,5 Millionen Kinder, die im Holocaust ermordet worden sind. Sie selbst sei, wie sie sagt, nur durch ein Wunder dem Tod in der Gaskammer von Auschwitz entkommen. Auf die Idee, ihre Geschichte auf der Social-Media-Plattform TikTok zu erzählen, brachte sie ihr Enkel Aron, der sie bei einer gemeinsamen Reise nach Auschwitz filmte. Seitdem erzählt Friedman auf ihrem Account in regelmäßigen Videos vom Schrecken des Holocaust und hat inzwischen rund 500.000 Follower.

Zeitzeuginnen des Nationalsozialismus

In etwas abgewandelter Form berichten Menschen im Rahmen der App „WDR AR 1933-1945“ von den Schrecken des Nationalsozialismus: Das Angebot projiziert Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges virtuell ins Klassenzimmer. Alles, was man braucht, ist ein Tablet oder Smartphone. Ist die App erst auf das Gerät geladen, kann der User in der Kategorie „Kriegskinder“ zwischen drei verschiedenen Geschichten wählen: Anne erlebte den Zweiten Weltkrieg in einem Kölner Bunker, Vera erzählt von der Luftschlacht um London und Emma überlebte die Blockade von Leningrad. Das Besondere dabei ist, dass die Person auf dem Bildschirm in die jeweilige Umgebung des Nutzers eingebettet zu sehen ist. Möglich macht das die sogenannte "Augmented Reality"-Technik (dt.: erweiterte Realität). Neben den drei Zeitzeuginnenberichten gibt es ein weiteres Kapitel über Anne Frank zum Download.

Das Projekt steht im iOS-Store für Apple sowie im App-Store für Android-Geräte bereit und kann dort kostenlos heruntergeladen werden. Die Nutzung ist barrierefrei und auch für User konzipiert, die noch keine Kenntnisse im Bereich "Augmented Reality" haben. Begleitend dazu bietet der WDR ein Tutorial für die Nutzung der App im Unterricht sowie Arbeitsblätter von Planet Schule an.

Anne Frank als YouTuberin

In einer Webserie schlüpft eine Schauspielerin in die Rolle des im KZ getöteten Mädchens. Das Angebot des Anne-Frank-Haus in Amsterdam stellt die Gefühle, Gedanken und das Leben der Protagonistin während des Verstecks im Hinterhaus in den Mittelpunkt. Insgesamt 15 Folgen umfasst das Video-Tagebuch, das auf YouTube veröffentlicht ist. Die Zuschauerinnen und Zuschauer folgen Anne vom 29. März 1944 an. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 14 Jahre alt und lebt seit gut eineinhalb Jahren im ihrem Amsterdamer Versteck. Die Geschichte endet am 4. August 1944, dem Tag, als das Mädchen und die sieben anderen Menschen im Hinterhaus sowie zwei ihrer nichtjüdischen Helfer verhaftet wurden. In den verschiedenen Episoden der Webserie blickt Anne, gespielt von Schauspielerin Luna Cruz Perez, auch auf die Zeit vor ihrem Leben im Versteck zurück. Die Videos sind in niederländischer Sprache verfasst mit möglichen Untertiteln auf Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch.

Zu sieben der fünfzehn Folgen des Tagebuchs wurden pädagogische Begleitvideos erstellt. Sie enthalten inhaltliche Erläuterungen und vertiefen den Inhalt der Videotagebücher. Zudem gibt es Unterrichtsmaterial für die Grundschule. Neben einem Arbeitsblatt mit Seh- und Nachdenkfragen umfasst das Angebot eine digitale Unterrichtseinheit über Anne Frank und das Hinterhaus.

Evas Stories auf Instagram

Was, wenn ein Mädchen im Holocaust Instagram gehabt hätte? Dieser Frage nachgehend hat ein israelischer Regisseur das Tagebuch der 13-jährigen Eva Heymann aus Ungarn verfilmt, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Die kurzen, im für Instagram typischen Hochkant-Format gefilmten Videos zeigen das Leben eines ganz normalen Teenagers. Mal filmt das Mädchen mit den dunkelbraunen Locken sich selbst, mal ihre Eltern, Großeltern und Freunde. Sie nimmt den Follower mit in die Schule, die Apotheke ihres Opas und zum Eisessen in den Park. Oft sind die Videos garniert mit Herzchen, Filtern und Emojis. Die insgesamt 70 kurzen Bildergeschichten zeigen das Schicksal Evas und ihrer Familie vom Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn bis zur Deportation nach Auschwitz.

(mam)

 

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