Inklusion oder Stigmatisierung?

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Nachrichten - 29.05.2014

Es ist doch merkwürdig: Einerseits wird heute immer lauter die Inklusion von Menschen mit Behinderung auch und gerade im Bildungsbereich gefordert. Wohl auch, weil das Wort "behindert" auf deutschen Schulhöfen nach wie vor als Schimpfwort gilt. Anderereits will man eben dieses "Stigma" dort aufdrücken, wo der Nutzen davon zumindest anzuzweifeln ist: bei Legasthenie. Ein einzigartiges Zeitungsprojekt hat seinen Weg gefunden, beide Herausforderungen erfolgreich anzugehen...

"Schritt in die falsche Richtung"

Noch im Januar 2014 führte die Hilfsorganisation für Kinder mit Leseschwäche "LegaKids" ein Interview zum Thema Legasthenie und Dyskalkulie mit Wolfram Meyerhöfer. Der Professor für Mathematikdidaktik an der Universität Paderborn sprach sich darin entschieden gegen die Etablierung eines Behindertenstatus' für Kinder mit Rechen- und Leseschwäche aus. Auf fast allen Schulhöfen, auf denen er sich in den letzten Jahren bewegt hatte, sei das Wort "Behinderter" als Schimpfwort etabliert gewesen, so Meyerhöfer. Entsprechend resümiert er: "Gesellschaftlich wäre ein Behinderten-Status für 'Legastheniker' ein weiterer Schritt in die falsche Richtung. Er würde eine Haltung zementieren, dass die Institution Schule – entgegen ihrer genuinen Konstruktion – nicht in der Verantwortung steht, jedem Kind das Lesen und Schreiben beizubringen."

DBK fordert Bildungsgerechtigkeit für alle

Genau jene Verantwortung der Institution Schule gegenüber allen Kindern hob die Kommission für Erziehung der Deutschen Bischofskonferenz in einer bereits im Mai 2012 veröffentlichten Empfehlung deutlich hervor. Dort heißt es: "Bildungsgerechtigkeit verlangt nach Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Annehmbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Bildungseinrichtungen für alle Menschen." Dabei "sollte auch im Bildungssystem die Verschiedenheit der Menschen nicht als Problem, sondern als Bereicherung erfahrbar werden."
Deshalb nimmt die Kommission in ihrer Empfehlung insbesondere die Träger Katholischer Schulen in die Pflicht, "ihre Einrichtung auf dem Weg zu unterstützen, den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen in immer besserer Weise gerecht zu werden."

Wie könnte ein solcher Weg konkret aussehen?

Ein Wegweiser könnte ein Zeitungs-Projekt sein, das sich sowohl bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung als auch im Umgang mit Schreibschwächen als sehr erfolgreich erweist:

Das halbjährlich erscheinende Magazin "Ohrenkuss" wird von einer Redaktion erstellt, deren Autoren ausschließlich Menschen mit dem sogenannten Down-Syndrom sind. Darin ist das Magazin in ganz Deutschland einzigartig.
Der "Ohrenkuss" wurde vor 15 Jahren als Forschungsprojekt von der Bonner Biologin Katja de Braganca ins Leben gerufen. Seitdem erhielt das Magazin schon mehrere Auszeichnungen und Förderpreise, de Braganca wurde für ihre Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

"Wichtig ist der Gedanke im eigenen Kopf"

Das Bemerkenswerte am "Ohrenkuss" ist vor allem, dass die Redakteure in ihrer Arbeit völlig autonom sind: Ihre Texte werden ohne Überarbeitung und Korrekturen übernommen und veröffentlicht. Die Authentizität der Artikel steht im Vordergrund, der Blick wird somit auf ihren Inhalt gelenkt: "Die Texte der Autoren werden nicht verbessert. Wer nicht weiß, wie ein Wort richtig geschrieben wird, kann in einem Wörterbuch nachsehen – oder es auch bleiben lassen – das ist nicht wichtig. Wichtig ist der Gedanke im eigenen Kopf", heißt es auf der magazineigenen Webseite. Auch der Name des Magazins entstand aus einem eigenen Gedanken eines "Ohrenkuss"-Redakteurs: "Ohrenkuss, das ist da rein da raus. Und was im Gehirn bleibt – das ist nur Ohrenkuss."
Zu den Lesern des Magazins gehören Ärzte, Lehrer, Freunde, Verwandte, "aber auch viele Fans, die ein Abo haben, einfach weil sie die Texte und die Bilder cool finden." Neugierige können sich durch Leseproben auf der Webseite selbst ein Bild von der Arbeit der Autoren machen. Inzwischen gibt es insgesamt etwa 3000 feste Abonnenten, das nächste selbsterklärte Ziel ist das Knacken der 5000er-Marke. Und das wird man ganz gewiss erreichen, denn für "Ohrenkuss"-Autor Björn Langenfeld steht fest: "Was sich sagen lässt: Ohrenkuss muss man lesen. Alle."

(CB)

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