Fördern statt Gleichmachen

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Nachrichten - 15.09.2014

In der Bildungsarbeit wird die Debatte um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen immer lauter. Angetrieben wird diese nicht zuletzt durch die "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen", aus der viele die Forderung nach einer Abschaffung von Förderschulen ablesen. Warum das gerade dem Geist der Konvention widerspricht und wie eine inklusive Schulreform Allen zu Gute kommt, erklärt Behindertenseelsorger Andreas Gesing.

Inklusion – Ein richtig(er), gefährlicher Weg

Wenn man in Deutschland von Inklusion spricht, dann denken die meisten Menschen sofort an unsere Schulen und an die Idee der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung. Man sagt, dass dieses in der "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" so gefordert würde und dass es Förderschulen in Zukunft nicht mehr geben dürfe.

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Gedanke, dass Menschen mit Behinderungen nicht mehr das Recht auf wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen haben, wie es sie derzeit in unseren Förderschulen gibt, widerspricht dem Geist und dem Anliegen der UN-Konvention.

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf eine Bildung, die ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringt. Genau dieses fordert die UN-Konvention in Artikel 24. Je nach ihren Besonderheiten und Einschränkungen sollen sie genau die Förderung erhalten, die sie brauchen um gleichberechtigt in unserer Gesellschaft zu leben.

Es geht nicht um Gleichmacherei

Hier geht es nicht um Gleichmacherei, hier geht es nicht darum, dass möglichst alle im gleichen Raum das Gleiche lernen. Hier geht es darum, dass Menschen mit Behinderungen nicht ausgegrenzt werden und ihnen der Zugang zu genau der Art von Bildung offensteht, die sie brauchen.

Die Förderschulen vorschnell zu schließen und Menschen mit Behinderungen zu nötigen in einem Umfeld zu lernen, das auf ihre speziellen Bedürfnisse noch nicht vorbereitet ist, hat weder etwas mit Inklusion noch mit der UN-Konvention zu tun.

Soll dann alles lieber so bleiben, wie es ist? Nein, das Ziel, dass alle Menschen egal ob mit oder ohne Behinderungen in unserem allgemeinen Schulsystem die Förderung bekommen, die sie brauchen, ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gelungene Inklusion.

Es kann und darf in Zukunft nicht mehr darum gehen, dass möglichst alle Schüler in möglichst gleicher Zeit das möglichst Gleiche lernen. Es geht vielmehr darum die Begabungen und Charismen eines jeden Kindes zu entdecken und zu fördern.

Ein Umdenken hilft allen

Unser Schulsystem ist krank und die Ideen der Inklusion können helfen es zu heilen. Und das nicht nur im Interesse von Menschen mit Behinderungen. Ein potentielles Mathematikgenie, das nicht in der Lege ist, eine Fremdsprache zu lernen, wird wahrscheinlich nie einen Nobelpreis bekommen, sondern wegen schlechter Leistungen in Englisch letztlich an unserem Schulsystem scheitern. Oder sollte ich lieber sagen, dass die Schule an seinen Besonderheiten scheitert?

So oder ähnlich ist derzeit die Lebenssituation von vielen Kindern mit Behinderungen. Ihre spezielle Mischung von Begabungen und Handicaps passt oft nicht in die Realität unserer Regelschulen. Vor 30 Jahren haben die meisten Pädagogen gedacht, dass Menschen mit Trisomie 21 unbeschulbar wären. Heute haben die ersten von ihnen Abitur und studieren. Wir müssen nicht die Menschen verändern, sondern die Art und Weise, wie wir Bildung denken und gestalten.

Selbstverständlich können Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam eine Schule besuchen. Die Frage ist nur, wie die Schule, die personellen und räumlichen Gegebenheiten und das pädagogische Konzept aussehen müssen.

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie sind Schulleiter und haben vollkommen freie Hand und alle Ressourcen, die Sie brauchen. In zwei Jahren werden sich Kinder mit und ohne Behinderung an Ihrer Schule anmelden.

Wie würden Sie die Lerngruppen gestalten? Wie viele und welche Mitarbeiter bräuchten sie und wie müssten die Räumlichkeiten aussehen? Wie würden Sie feststellen, welches Kind im nächsten Schuljahr welche Förderung braucht, um sein persönliches Lernziel zu erreichen?

"Ja" werden Sie jetzt vielleicht denken, "wenn die Rahmenbedingungen so wären, dann wäre Inklusion nicht nur denkbar sondern durchaus auch sehr reizvoll für einen Pädagogen". Nicht die Idee der Inklusion ist schwierig, nicht die Kinder mit und ohne Behinderung sind das Problem und auch nicht ihre Lehrer.

Betroffenen die Wahl lassen

Inklusion ist immer die Arbeit an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es geht nicht darum, Förderschulen zu schließen und den Kindern mit Behinderung und ihren Eltern Wahlmöglichkeiten zu nehmen. Es geht darum, dass Verantwortliche in Kirche und Gesellschaft ihren Blick und ihren Kopf weit öffnen und es wagen, vollkommen neu zu denken.

Wenn Inklusion in der Schule gelingt, dann ist es ein Gewinn für alle Kinder, ihre Eltern und für die Lehrer. Dann sind wir gemeinsam als Gesellschaft auf dem richtigen Weg.

Es ist ein langer Weg, den wir gemeinsam gehen sollten. Unsere Kinder mit und ohne Behinderung haben es verdient, dass wir mit viel Achtsamkeit und ohne falsche Eile vorgehen. Das Ziel der Inklusion ist zweifelsfrei richtig, wir sollten aber den Weg mit großem Respekt und Sorgfalt wählen, weil dort auch viele Gefahren und Irrtümer lauern können.

Kein Politiker, kein Bischof, kein Schulrat, kein noch so engagierter Aktivist kennt derzeit den richtigen Weg. Aber das ist kein Grund zu erstarren und stehen zu bleiben, sondern Ansporn, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln und aus ihnen zu lernen.

Vielleicht ist der erste richtige Schritt, dass Kinder mit und ohne Behinderung unter einem Dach miteinander lernen und sich in der Pause begegnen. Dass die Lehrer/innen Lust bekommen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen auszutauschen. Dass es erste kleine gemeinsame Projekte gibt, wo Kinder mit und ohne Behinderung sich kennen und verstehen lernen. Und Eltern erkennen können, wie bereichernd Inklusion für ihre Kinder sein kann.

Dann werden Vorurteile und Barrieren abgebaut, Chancengleichheit realisiert, Selbstbestimmung ermöglicht und Inklusion erlebbar. Und genau das will die "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung" erreichen.

 

Andreas Gesing ist Diplom-Theologe und als Diözesanreferent des Erzbistums Köln in der Seelsorge für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen tätig.

 

Mehr zur Thematik Inklusive Bildung und Menschen mit Behinderungen sowie Anregungen und Möglichkeiten für die (religions-)unterrichtliche Anwendung finden Sie in unserem neuen Schwerpunkt "Inklusive Bildung".

 

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Mit Material von Andreas Gesing

(CB)

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