Ausprobieren und diskutieren

(Quelle: privat)
Nachrichten - 10.11.2020

Seit November ist Viera Pirker Professorin für Religionspädagogik und Mediendidaktik am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität in Frankfurt. Wir haben mit der Theologin über digitale Transformationen in der religiösen Bildung, Chancen und Herausforderungen für den Religionsunterricht in der Corona-Krise und das soziale Netzwerk Instagram gesprochen.

 

Frage: Frau Pirker, eines Ihrer Forschungsthemen ist „Religionspädagogik in der digitalen Transformation“. Inwiefern beeinflusst das Digitale die religiöse Bildung?

Viera Pirker: Wir sind mittlerweile in einer Zeit angelangt, in der wir nicht mehr sagen können, dass das Digitale einzelne Lebensbereiche nicht beeinflussen würde. Religiöse Bildung steht immer in einem Koordinatensystem von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie agiert unter der Voraussetzung einer Verbundenheit zwischen der Welt und Gott und setzt dort ganz zentral beim Menschen an. Dieses Koordinatensystem wird inzwischen von digitalen Kommunikationsmitteln und Praktiken durchzogen. In einer religiösen Bildung, die sich an der Lebenswelt der Gegenwart orientiert, in der Menschen auf ihre Zukunft hinarbeiten und sich in Traditionen auf die Vergangenheit beziehen, kommen wir an solchen grundlegenden Prozessen nicht vorbei.

Wissenschaftlich betrachtet, muss Forschung zu religiöser Bildung dies beobachten, begleiten und verstehen, welche Auswirkungen diese Transformationsprozesse auf Individuen und Gesellschaft, auch im globalen Kontext, nimmt und wie sich religiöse Fragen unter diesen Bedingungen neu oder anders stellen.

Religionspädagogisch muss man Thematisierung, Anwendung und Praxis nach Altersgruppen differenzieren, die unterschiedliche Umgänge mit dem Digitalen haben. Bei Grundschulkindern oder im frühkindlichen Bereich sind Bildungsprozesse natürlich nicht so stark digital auszurichten wie in der Arbeit mit älteren Schülerinnen und Schülern, die digitalgestützte Kommunikationsformen und Alltagspraktiken bereits viel stärker integrieren und sich auch bereits auf entsprechende berufliche Nutzungen vorbereiten. Das hat mit dem pädagogischen Grundverständnis zu tun. Ich verfechte keineswegs die Position, dass jetzt alles im Unterricht und in Bildungszusammenhängen digital gestützt werden muss. Das Digitale ist viel mehr als eine ‚Methode‘: es erzeugt kulturelle Veränderungen. Auch Kinder erleben und nutzen schon früh digitale Medien. In ihren Familien erfahren sie früh Umgang und Bedeutungszuschreibungen an das Smartphone, auch wie sie soziale Interaktionen prägen. Vorbildlernen geschieht heute mit dem Smartphone in der Hand. Es ist schon jetzt zu beobachten, dass der Umgang mit digitalen Medien in den nächsten Jahren noch selbstverständlicher wird, aber auch vieldimensionaler hinterfragt werden wird. Für religionsbezogene Erwachsenenbildung öffnen sich neue Welten in Social Media, Games und überhaupt medialen Präsenzen. Die Sichtbarkeit des Religiösen wächst eher, und hier eröffnen sich unzählige Möglichkeiten zum Anstoß informeller Bildungsprozesse und Community-Begleitung. Mediennutzung, Online-Kommunikation, professionelle Weiterbildung, Fake News, aber auch ethische Dimensionen des Konsums und des Programmierens – Stichwort ethics by design – sind ebenfalls Themen fürs lifelong learning.

Frage: Verändert Digitalität auch die Kommunikation über Gott, beeinflusst vielleicht sogar unser Verständnis von Gott? Oder auch von Religiosität im Allgemeinen?

Pirker: Ich denke, ja. Wir bemerken es zum Beispiel an sprachlichen Veränderungen. Wir hören gegenwärtig im kirchlichen Raum viel über Netzwerke, Nachfolge, Following, Influencing. Gottesbilder prägen auch die Kommunikation des Digitalen, beispielsweise in der Darstellung von Mensch-Maschine-Interaktionen: Ganz häufig kommt hier eine Anspielung auf das berühmte Gemälde der „Erschaffung des Adam“ nach Michelangelo ins Bild. In diesen Bildern berühren sich die menschliche Hand und die Roboterhand, treten in Kontakt. Wer erschafft hier wen? Dahinter liegen uralte, religiös und mythologisch aufgeladene Erzählungen von der Macht und Ohnmacht des Menschen über Tod und Leben, die Paradieserzählung, aber auch das Schaffen eines Monsters, die Menschliche Hybris, das Öffnen der Büchse der Pandora klingen hier an.

 

Digitalität -Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine                © Sergey - stock.adobe.com

 

Und wenn man Überlegungen zu Digital Theology, aber auch zum „Homo Deus“, dem sich an Gottes Stelle setzende Menschen wahrnimmt, stellt sich schon die Frage: Ist Gott jetzt ins Netz abgewandert? Ist er ein Algorithmus, gar nicht greifbar, also unverfügbar, und doch allgegenwärtig? Natürlich greift das alles viel zu kurz – und instrumentalisiert die Rede von Gott unzulässig. Doch die Möglichkeit der Erfahrung von Transzendenz scheint sich sehr in eine immanent-technologische Sphäre hinein zu bewegen, auch befeuert durch wirkmächtige Science-Fiction-Erzählungen auf der Kinoleinwand und im Computerspiel.

Religionen sind, dessen werden wir uns wieder mehr bewusst, immer schon medial präsent, zu allen Zeiten, und haben hier selten Scheu bewiesen, wohl aber ein genaues Bewusstsein über die Macht der Bilder, Bewegtbilder und Druckerzeugnisse entwickelt, und wissen um die Bedeutung der Zugänglichkeit von Wissen und Informationen, Übersetzungsprozesse und Sprache. Das Erzählen der christlichen „Story“ ist immer in Erfahrbarkeit gegründet, da steht die Begleitung religiöser Bildung aktuell vor großen Herausforderungen. Die Deutemöglichkeiten von Erfahrungen haben sich pluralisiert und zugleich individualisiert. Religiöse Primärerfahrungen werden, wenn sie überhaupt stattfinden, dann an ganz anderen und neuen Orten, auch mit anderen Menschen und religiösen Stilen möglich – die Wege zu einer religiösen Entschiedenheit werden sehr individuell und eben aus Erfahrungen heraus, weniger aber aus einer Sozialisation heraus stammend, beschritten. Auch hier spielen digitale Räume heute eine Rolle.

Frage: Wie findet religiöse Bildung in digitalen Kontexten statt?

Pirker: Da würde ich gerne zwischen formalen, non-formalen und informellen Bildungsprozessen differenzieren. In den formalen Bildungsprozessen – das umfasst Ausbildung, schulische Bildung, universitäre Bildung – nehme ich in den vergangenen Jahren sehr starke Veränderungen wahr. Zum Beispiel vernetzen sich Lehrer im Internet, Fortbildungen finden vermehrt online statt. Dieser Trend wurde in der Corona-Zeit noch einmal verstärkt. Plattformen wie rpp-katholisch.de oder auch das Pendant des Comenius-Institut, RPI-Virtuell arbeiten schon seit Jahren begleitend für formale Kontexte, und auch im non-formalen Kontext, also in Bereichen wie Jugendarbeit und Jugendpastoral, sehe ich in den vergangenen Jahren eine Hinwendung zum Digitalen, beispielsweise in der digitalpolitischen Positionierung des BDKJ. Der ökumenische Kreuzweg der Jugend arbeitet App-gestützt, Firmvorbereitung arbeitet mit dem Tool Action Bound, um mit Jugendlichen ihre religionsbezogene Umgebung zu erkunden. Jugendarbeit macht Action Bounds, um nur einige solcher Unternehmungen zu nennen. Lebensorientierte Pastoral wird heute zunehmend vernetzt und aktiv gestaltet – die Bistümer machen da keinen Fehler, wenn sie dies sowohl zulassen als auch aktiv unterstützen. Schulseelsorge, ebenso wie Studienmentorate sind inzwischen auf Instagram aktiv, wo sie ihre Zielgruppe leichter finden – und sie tun dies neben vielen anderen religiös kommunizierenden Personen und Gemeinschaften, seien sie von jemandem beauftragt oder vollkommen eigenständig und auch nach der eigenen Überzeugung unterwegs. Es gibt viele Tools, Möglichkeiten und Praktiken, die in religiöse Bildung integriert werden können.

Im informellen Bereich geht es viel um Alltagslernen, auch um das Lernen und Nachahmen von Vorbildern. In diesem Bereich spielt Social Media eine wachsende Rolle, wo junge Menschen sich auch religiös sichtbar machen. Da ist es interessant, zu schauen, wie sich Christinnen und Christen vernetzen. Auch YouTube und Bewegtbildformate spielen in religiösen Belangen eine Rolle als Wissens- und Lerninstrumentarien – nicht immer zum Positiven, wie wir wissen, sondern durchaus auch in einen extremen Bereich hineinfließend. So hat der Da“Esh (Islamischer Staat) ganz wesentlich online seine Ideen verbreitet, auf diesem Weg Interessent*innen rekrutiert und in geheimen Chatgruppen vernetzt. Hier zeigt sich in besonderem Maß die Bedeutung von Medienkompetenz, was auch das kritische Hinterfragen auf Herkunft und Interesse bestimmter Angebote impliziert. Wenn im Netz religiös kommuniziert wird, geschieht das gerne in einer extremen Überzeugung, die auf religiös eher indifferente Personen beängstigend und abschreckend, aber auch anziehend und bestätigend wirken kann. Wer keine klare, kantige Botschaft hat, erzählt im Netz unter erschwerten Bedingungen. Suchen, Fragen, Zweifeln, Entdecken – das sind online wirklich schwierige Themen, die auf religiösen Seiten auch gerne streitlustige Rechtgläubigkeit hervorruft. Insbesondere Frauen können da viele unangenehme Erfahrungen berichten.

Frage: Schauen wir mal konkret auf den schulischen Religionsunterricht als Teil der religiösen Bildung. Welche Chancen und Grenzen liegen dort im Digitalen?

Pirker: Der Religionsunterricht ist dem formalen Bildungskontext zugeordnet, also eine schulische Praktik, auch wenn er sich gerne ein wenig ‚offen fürs Unverfügbare‘ hält. An der Stelle würde ich differenzieren zwischen dem Gehalt des Religionsunterrichts und seiner Gestaltung. Letzteres meint die Form der Arbeit, die Methoden und Medien. Da steht der Religionsunterricht keineswegs am Anfang: Religionslehrkräfte sind häufig sehr offen für die Integration von neuen oder neu erscheinenden Welten, sie wollen am Puls der Zeit ihrer Lerngruppen arbeiten, und nehmen sich auch einfach die Freiheit, Dinge zu erproben. Doch viele Schulen sind noch nicht wirklich am Netz und die Länder sind in der Fläche längst nicht für digital gestützte Unterrichtspraktiken eingerichtet. Da ist jetzt durch den Digitalpakt, den Medienkompetenzrahmen der KMK Bewegung entstanden, mit der Corona-Erfahrung verstärkt sich das gegenwärtig, aber allein der infrastrukturelle Prozess wird erst in Jahren abgeschlossen sein. Natürlich ist auch die Frage, ob der Religionsunterricht bei allem teilhaben muss – braucht er beispielsweise KI-gestützte, Intelligente Tutorielle Systeme, mit denen die Vermittlung von Unterrichtsinhalten individualisiert optimiert werden kann? Wie könnte in die Entwicklung von herausragenden Open Educational Ressources investiert werden? Das föderale Denken im deutschen Bildungssystem wird religionsunterrichtlich durch konfessionelle und diözesane Grenzen noch kleinteiliger. Best Practise gehört meines Erachtens hier nicht in geschlossene diözesane Plattformen, sondern sollte in einer bundesweiten und auch die deutschsprachigen Länder übergreifenden ökumenischen Vernetzung geschehen. Als Lehrerin oder Katechetin will ich gut und kreativ mit herausragenden Materialien arbeiten können, die leicht zugänglich sind. In diesen Feldern sollte Vernetzung und Kollaboration noch selbstverständlicher werden, auch seitens der kirchlichen und staatlichen Fortbildungseinrichtungen.

Spannender finde ich an dieser Stelle die Frage nach dem Gehalt des Religionsunterrichts, also den Themen und Fragestellungen, die zur Sprache kommen. Da sehe ich durch die ‚Kultur der Digitalität‘, wie sie der Kulturtheoretiker Felix Stalder beschrieben hat, ganz grundlegende theologische, anthropologische, ekklesiologische Themen neu gefragt. Also zum Beispiel der Blick auf das Menschenbild, das im Online-Mainstream vertreten wird und in Nischen intensiv diskutiert wird. Auch im Bereich der Ethik, die Auseinandersetzung mit Mensch-Maschine-Interaktionen, die alte Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit. Ich sehe da viel Potenzial, die durch die Veränderungen der Digitalität auftretenden neuen Phänomene mit ganz klassischen religionspädagogischen Fragestellungen in Verbindung zu bringen. Zusätzlich bieten sich Annäherungen aus dem problemorientierten Religionsunterricht an: Beziehungsgestaltung, Suchtgefahr, Nachfolge, Hoffnung und Enttäuschung. Die ‚große Geschichte‘ von Jesus steht heute neben anderen fiktionalen Erzählungen, von denen sie immer wieder neu abzugrenzen ist. Gerade habe ich ein T-Shirt in Instagram gesehen: „God is no religion, but a relationship“, diese kleine Sentenz bringt es ziemlich genau auf den Punkt.

Sowohl auf der Methoden- als auch der Themenebene gibt es viele geeignete Anknüpfungspunkte. Und für Schülerinnen und Schüler ist das durchaus sehr spannend, besonders diese persönliche Perspektive. Da steckt viel Potenzial für kritische Bildung drin. Ich wäre zurückhaltend, den gesamten Unterricht digital durchzuformatieren, aber immer wieder aufgreifen, ausprobieren, diskutieren – das lohnt.

Frage: Social Media haben Sie bereits angesprochen. Das ist ein Bereich, mit dem Sie sich auch im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigen, mit einem Schwerpunkt auf Instagram. Inwiefern ist diese Plattform für den Religionsunterricht relevant? Welche Themen lassen sich daran aufgreifen?

Pirker: Instagram funktioniert im Wesentlichen als Inspirationsplattform – Inspirational Content durch Fotografie und Bewegtbild. Es geht dort viel um oberflächlich wirkende Themen wie Mode, Reisen, Essen, Fitness; für viele Nutzer*innen spielt der Unterhaltungsfaktor, aber auch die dort empfundene persönliche Ansprache eine große Rolle. Instagram ist die vielleicht schönste Alltagsflucht in den Social Media-Plattformen, inzwischen wird sie jedoch von Werbung durchseucht. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass es dem Betreiber Facebook um die Generierung von individuellen Nutzungsdaten geht und süchtig machendes Design zur Anwendung kommt, um davon mehr und mehr zu erzeugen. Dieses Plattform-Bewusstsein gehört dazu, wenn wir uns den kommunikativen Nischen auf Instagram zuwenden, in denen religiös gehandelt, gebetet, gezeigt und erzählt wird; ebenso wie junge Erwachsene kritisch und politisch über Nachhaltigkeit und internationale Beziehungen, über #blacklivesmatter und Feminismus, über Gottesbeziehung und Glaubenswege sprechen. Diese Nischen muss man finden, wahrnehmen und entdecken. Aber gerade dann eröffnen sich viele Möglichkeiten, die auch im Unterricht aufgegriffen werden können. Es legt sich immer nahe, von den Schülerinnen und Schülern auszugehen – was interessiert sie, wen finden sie gut, was sehen sie kritisch? In den für Bildung besonders interessanten Nischen lässt sich viel Neuland entdecken. Religiosität sieht online manchmal extremer aus, und zwar in ganz verschiedene Richtungen – das Spektrum erstreckt sich von fundamentalistisch bis feministisch, von streng traditional zu ganz ökumenisch, von Kontemplation zu Aktion. Auch darüber lässt sich gut gemeinsam nachdenken.

 

 

Unterricht, so aufgeräumt wie im #instalehrerzimmer                  © Screenshot Instagram

 

Was viele noch nicht wissen: Auch Lehrerinnen und Lehrer vernetzen sich über Instagram und andere Social Media-Plattformen. Wenn Schule überall so aussehen würde wie im #instalehrerzimmer, lebten wir wohl längst in einer anderen Bildungswelt. Ich weise auch hin auf den #relichat, der immer mittwochs auf Twitter stattfindet. Schulseelsorge oder ganze Schulen sind bei Instagram mit eigenen Profilen vertreten, um ihre Schülerinnen und Schüler besser zu erreichen. Da erachte ich es aber immer als wichtig, niemanden zur Nutzung zu drängen und kritische Distanz auch zur Privatsphäre der Jugendlichen zu wahren. Im besten Falle werden die Jugendlichen in ihrer Mediennutzung schulisch begleitet.

Bildkommunikation wird in der Religionspädagogik vielfach noch als Mittel zum Zweck betrachtet. Der Umgang mit Bildern orientiert sich zunächst am Kunstbild, dann am didaktischen Bild, und erst anschließend an eigenen Bild-Entwicklungen von Schüler*innen. Die digitalen Bildkulturen, die natürlich nicht nur auf Instagram emergieren, sind religionspädagogisch erst wenig erforscht und in ihrem Ausdruckspotential, aber auch ihrer Kritik erst wenig erkundet. Die Welt hat sich hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikal gewandelt, und auch die Lehrkräfte stehen berufsbiographisch gerade wirklich an einer Wende. Während junge Lehrkräfte damit aufgewachsen sind und keine andere Welt kennen, haben die Kohorten in der Mitte der Berufsbiographie diesen Wandel selbst mit vollzogen, und die älteren stehen vielleicht immer noch ratlos vor der Frage, warum um alles in der Welt jemand seine Schuhspitzen in der Kirchenbank fotografiert und das dann „ins Netz stellt“. Wo die einen Kulturverfall vermuten, erzeugen die anderen eine herausragende, Authentizität kommunizierende Social Media Persona. Auch der „anknipsbare“ Gesichtsausdruck fürs Foto ist eine kulturelle Technik, die einige nicht beherrschen und andere gar nicht ablegen können. Kinder weigern sich inzwischen ganz gerne und ziehen ein Gesicht, wenn das Family Selfie ansteht – sie haben die emotional gefärbte Selfie-Kultur quasi schon inkorporiert.

Frage: Im Religionsunterricht begegnen die Schülerinnen und Schüler ja auch biblischen Figuren, an deren Biografien sie lernen können. Lässt sich das auch auf digitale Begegnungen in den sozialen Medien übertragen?

Pirker: Ja, auf jeden Fall, wobei das nicht unmittelbar in eine didaktische Struktur gebracht werden kann. Um sich von den Biografien anderer Menschen wirklich berühren zu lassen, muss man sie erst einmal kennen lernen und auch eine positive Grundeinstellung ihnen gegenüber entwickeln. Diese Möglichkeit der scheinbar unmittelbaren Begegnung macht Instagram für viele Jugendliche interessant. Hier geschieht ein einseitiger, beobachtender Kontakt, bei dem sie durchaus von den Persönlichkeiten lernen, denen sie folgen. Diese Intensität kann und soll der Religionsunterricht nicht herstellen. Der kann eher dazu einladen, solche parasozialen Beziehungen zu reflektieren, oder andere ‚Vorbilder‘ mit reinbringen. Natürlich gibt es eine oberflächliche Nähe zwischen dem Thema „Prophetie“ und „Influencing“, und religionsunterrichtliche Entwürfe verknüpfen längst Greta Thunberg und Amos.

Darüber hinaus gibt es konkrete Projekte, in denen historische, biblische oder kirchengeschichtliche Personen online begegnen. Paula Nowak (@diepaulanowak) vom Amt für Kirchliche Dienste der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg hat in einem Workshop mit Lehrer*innen und Schüler*innen einen Instagram-Account aus der Perspektive von Maria gestaltet, @marias_weg. Medienpädagogisch geht es hier um die eigene Kreativität, ein bestimmte Ergebnis zu gestalten. Der Account wird nicht ständig betrieben, richtet sich nicht an unmittelbare Follower. Er zeigt, dass Bibeldidaktik in Instagram möglich ist. Man kann den Account im Rahmen des Unterrichts erkunden – oder, viel besser: eine Lerngruppe bekommt die Aufgabe, selbst einen solchen Instagram-Account zu entwerfen, zu recherchieren, Bilder und Texte zu kuratieren.

 

 

Bibeldidaktik auf Instagram - was würde Maria posten?                © Screenshot Instagram

 

Im Netzwerk @ruach.jetzt von Tobias Sauer ist der Account @eswarnichtimmereinfach entstanden, der in jedem grafisch interessant gestalteten Bild die Geschichte einer heiliggesprochenen Person erzählt. Diese Beschreibungen aus der Ich-Perspektive sind langfristig zugänglich, können im Unterricht angesteuert und integriert werden.

Die Übertragung in einen formalen Lernprozess kann nicht direkt beim „Lernen am Vorbild“ ansetzen, aber solche Dimensionen berühren und thematisieren. Grundsätzlich sehe ich Social Media-Plattformen durchaus als ein Medium, das sich für unterrichtliche Integration anbietet.

Frage: Durch die Corona-Pandemie und die dadurch bedingten Schulschließungen wurde digitales Lernen in den vergangenen Monaten plötzlich essenziell. Welche Erkenntnisse kann man aus dieser Zeit speziell mit Blick auf den Religionsunterricht ziehen?

Pirker: Lehrerinnen und Lehrer haben sehr unterschiedlich reagiert, was auch den äußeren Umständen geschuldet war. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir berichtet, dass sie gar nicht mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt treten konnten, weil Aufgaben in den Hauptfächern Vorrang hatten. Andere Religionslehrkräfte haben wirkliche Begleitformte entwickelt, um Kontakt und Austausch zu ermöglichen. Das Stichwort ‚Beziehung‘ ist hier zentral. Religionsunterricht ist ein Beziehungsgeschehen, und nur weil die Realbegegnung im Raum nicht möglich ist, sollte dieses Geschehen nicht grundsätzlich abgebrochen werden. Die Frage, was brauchen meine Schülerinnen und Schüler jetzt gerade von mir und auch von meinem Fach, würde ich in den Vordergrund stellen.

Wir haben als Gesellschaft während der Corona-Pandemie ganz neue, emotionale Erfahrungen gemacht. Daraus ergeben sich Fragen: Wie gehen wir mit Angst um? Wie gehen wir mit Verantwortung und Schuld um? Wie geht es Kindern, die zu Hause mehr Not als Glück erfahren? Vielleicht gibt es Kinder in der Klasse, die ihre Großeltern angesteckt haben. Es ist eine neue Erfahrung, plötzlich selbst als Risiko für andere Menschen zu gelten. Solche Realitäten und Wahrnehmungen zu verarbeiten, das ist auch etwas, was im Religionsunterricht passiert. Religionslehrkräfte müssen ein gutes Maß dafür finden, was die Schülerinnen und Schüler brauchen – und auch, was die Eltern und Familien brauchen.

Frage: Unterscheidet sich der Religionsunterricht in diesem Bereich von anderen Fächern, wie Mathe, Deutsch oder Physik?

Pirker: Je nachdem, wie man den Religionsunterricht anpackt, kann man da schon einen Unterschied machen. Es geht um den Menschen, um Beziehungen und Bedürfnisse. Und da kann der Religionsunterricht helfen, Fragen zu entwickeln. Ich habe zum Beispiel beobachtet, dass, als im Mai die Schulen wieder geöffnet wurden, sich Religionslehrkräfte vermehrt dem Thema Verschwörungstheorien zugewandt haben. Das Thema passt auch in andere Fächer, aber vielleicht war im Religionsunterricht dafür besonders viel Raum. Was ist wahr, was ist falsch? Welchen Medien kann ich vertrauen? Woher beziehe ich meine Informationen? Hier kann der Religionsunterricht auf aktuelle Gegebenheiten eingehen. Schwierig ist sicher, dass der Religionsunterricht so sehr auf Haptik, Erfahrungsorientierung und Beziehung setzt, dass es noch schwerer fällt, in eine frontale Unterrichtssituation zu wechseln.

Ein praktischer Unterschied kommt in der Corona-Pandemie noch dazu: Religionsunterricht findet in der Regel klassenübergreifend statt. Die Lehrkräfte unterrichten zum Teil sogar an unterschiedlichen Schulen – in Österreich ist das vor allem in den kleineren Religionsgemeinschaften nochmal stärker der Fall als in Deutschland. Hier stellt sich die Frage, wie man unter Pandemie-Bedingungen verantwortungsvoll mit Infektionsrisiken umgeht – und ob Religionsunterricht überhaupt durchgeführt wird: In vielen Schulen, beispielsweise in Bayern, ist nach den Herbstferien ein gemeinsamer Religions- und Ethikunterricht im Klassenverband angesetzt worden.

Frage: Beim Thema Digitalisierung bzw. Digitalität im Religionsunterricht befinden wir uns noch in einer Umbruchsphase: Es werden Dinge angestoßen, vieles ausprobiert. Doch nicht alle Religionslehrer sind „digitale Nerds“. Was würden Sie den „Normalos“ raten?

Pirker: Ich glaube, dass sich generell nur sehr wenige Religionslehrkräfte als „Normalos“ bezeichnen würden (lacht). Denjenigen, denen das Digitale fremd ist, würde ich aber ein gewisses Maß an Neugierde zumuten wollen, zum Beispiel auf die Frage, warum digitale Lebenswelten für Schülerinnen und Schüler so interessant sind. Das gehört meines Erachtens zu einem professionellen Selbstverständnis dazu, dass sich Religionslehrer*innen in dem lebenswelt- und subjektorientierten Fach auch ausdrücklich dafür interessieren, wo und wie die Lage der Jugendlichen ist. Ich würde ihnen auch zu Zurückhaltung vor allzu kritischen Urteilen anraten. Wir haben viel über Instagram gesprochen, wo ganz viele Dinge passieren, die ich als Lehrkraft unbedingt medienkritisch begleiten muss. Aber es wäre aber der falsche Weg, alles was dort geschieht, von vornherein zu verteufeln. Es gibt starke Gründe, warum Jugendliche sich daran orientieren und warum die Plattform ihnen wichtig ist. Das möchte ich als Religionslehrerin mit meinen Schülerinnen und Schülern entdecken, um dann gemeinsam Wertschätzung und Kritik formulieren zu können.

Derzeit greifen viele religionspädagogische Zeitschriften das Thema Digitalität auf, entwickeln sich selbst auch stärker in der digitalen Präsenz. Auch viele Schulabteilungen haben sich diesen Schwerpunkt gesetzt. Die katholischen Schulen sind sehr aktiv. Auch in der wissenschaftlichen Religionspädagogik ist gerade viel in Bewegung. Und zwar nicht erst seit Corona, sondern schon seit den letzten ein, zwei Jahren. Da entstehen auch viele spannende Materialien, die es sich lohnt, mit Schülerinnen und Schülern gemeinsam zu entdecken. Und im vergangenen halben Jahr haben sich in unserer Gesellschaft so viele Menschen selbst als Neu-Lernende wiederentdeckt. Es ist eine große Chance, Dinge einfach mal auszuprobieren. Warum also als „Normalo“ nicht einfach mal an einer Online-Fortbildung teilnehmen? Die Schülerinnen und Schüler müssen ja auch dazulernen und sich in die ganze Technik einarbeiten. Ich sehe diese Zeit als eine gute Gelegenheit zum Lernen. Lehrkräfte, die vorher als „Nerds“ galten, unterstützen jetzt ihr Kollegium in ganz praktischen Fragen und Techniken, sie engagieren sich sehr dafür, ihr Wissen weiterzugeben. Netzkulturell haben sie längst gelernt, dass es sinnvoller ist, andere offen und frei auf diesem Weg zu begleiten, als eifersüchtig über den eigenen Erfahrungsvorsprung zu wachen. In einer Community of Practise verstehen sich alle als Lernende, manche sind eher schon Expertinnen, andere noch Novizen. Wenn alle gemeinsam weitergehen, kann diese Lerngemeinschaft nur gewinnen.

Das Interview führte Maike Müller

 

Zur Person:

Prof. Dr. theol. Viera Pirker lehrt seit November 2020 Religionspädagogik und Mediendidaktik am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe Universität Frankfurt am Main. Zuvor arbeitete sie als Post-Doc-Assistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien, als Studienleiterin in der Lehrer*innenbildung Hessen und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen. Sie hat an verschiedenen Frankfurter Schulen Religion unterrichtet.

Nach einem Studium der Katholischen Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wurde sie 2013 an der PTH Sankt Georgen mit der Arbeit "fluide und fragil. Identität als Grundoption zeitsensibler Pastoralpsychologie" promoviert. Weitere Forschungsarbeiten befassen sich mit Religionspädagogik in der digitalen Transformation, kompetenzorientierter Leistungsbeurteilung im Religionsunterricht, Erinnerungslernen im Religionsunterricht, Kunst und Film in religiöser Bildung, sowie Praxisforschung in Gemeinden. 

In Echtzeit bei Twitter: @VieraPirker

 

 

 

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