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Thonak, Sylvia: Religion in der Jugendforschung. Eine kritische Analyse der Shell-Jugendstudien in religionspädagogischer Absicht

Thonak, Sylvia: Religion in der Jugendforschung. Eine kritische Analyse der Shell-Jugendstudien in religionspädagogischer Absicht (Junge Lebenswelt, Bd. 2) - Münster u.a.: LIT Verlag. 2003. 331 S., EUR 19.90, ISBN 3-8258-6898-2.

Seit über 50 Jahren prägen die Shell-Studien das Bild der Jugend in der öffentlichen Meinung des deutschsprachigen Raums. Wenn es um Befindlichkeiten, Trends und Werte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht, bildet die jeweils aktuelle Shell-Studie eine quasi unantastbare "Zitationsinstanz", die von Politikern ebenso zu Rate gezogen wird wie von Meinungsforschern, Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, Kultusministerien und Kirchen. Die Behauptung ist sicher nicht übertrieben, dass den Shell-Jugendstudien im jugendsoziologischen Bereich eine Art "Nimbus der Unantastbarkeit" anhaftet.

An diesem Nimbus kratzt die hier vorzustellende religionspädagogische Dissertation ganz kräftig. Sie wurde im WS 2002/03 an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität Münster (Gutachter: Chr. Grethlein/W. Engemann) eingereicht und nimmt das Thema "Religion" in den letzten drei Shell-Studien unter die Lupe. Dabei kommt die Verf. zu dem interessanten Ergebnis, dass zwar mit den Ergebnissen der Shell-Studien bis heute Jugendpolitik gemacht wird, der Bereich "Religion" innerhalb der Studien aber entweder in hohem Maße vorurteilsbelastet ist oder aber höchst lückenhaft behandelt wird. Wahrnehmung und Darstellung von "Religion" in den letzten Shell-Studien müssen sich zudem den Vorwurf des Reduktionismus gefallen lassen (289). Der Deutungsrahmen von "Religion" in den Shell-Studien geht nach Thonak in sehr verengter Weise davon aus, Religion existiere im Wesentlichen in der institutionellen Gestalt der großen Kirchen und sei insofern im Rahmen einer allgemeinen Säkularisierung dem sicheren Verfall preisgegeben. Dem stellt die Verf. gegenüber, die Phänomenologie der Formen gelebter Religion bei Jugendlichen in der postsäkularen Gesellschaft Deutschlands sei durchaus vielseitiger als es die Darstellungen der Jugendstudien aus den Jahren 1992, 1997 und 2000 suggerieren möchten. Thonaks These gipfelt in der bemerkenswerten Beobachtung, dass "Religion" und "Religiosität" bei den Items der Shell-Studien entweder unterbelichtet oder von den Autoren "versehentlich vergessen" (166) worden seien. Im Gegensatz dazu würden sie in den Interview-Beiträgen der Jugendlichen aber gerade nicht ausgeblendet, sondern teilweise sehr intensiv thematisiert.

Die methodologische Kritik an den Jugendstudien bildet auch den Ausgangspunkt für die Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit: In zwei Hauptkapiteln werden die 11. und 13. Jugendstudie untersucht (56-166, 172-276), die 12. Jugendstudie 1997 wird nur kurz behandelt (166-171), da hier das Thema Religion ja "versehentlich vergessen" worden war. Die 14. Jugendstudie erschien kurz nach der Fertigstellung der Dissertation und wird deshalb in einem Anhang ausgewertet (277-288). Thonaks These ist, dass sich der Religionsbegriff aller drei Shell-Studien zumeist auf die längst überholten kirchengemeindesoziologischen Thesen von R. Köster stützten (ders., Die Kirchentreuen, Stuttgart 1959). Dies lässt sich im Vergleich mit den Interview-Items tatsächlich plausibel nachweisen. Anstelle der veralteten Theorie Kösters setzt die Verf. die Jugendstudien zunächst mit der religionssoziologischen Theorie des Christentums von D. Rössler in Beziehung (Grundriss der Prakt. Theologie, Berlin/New York 21994), der nicht mehr zwischen Kernmitgliedern, Kirchgängern, Randmitgliedern und Nichtmitgliedern unterscheidet, sondern die neuzeitliche Gestalt des Christentums in einen privat-individuellen, einen kirchlichen und einen öffentlich-gesellschaftlichen Bereich gliedert (291). Aus Rösslers Ansatz ergibt sich nun in der Tat der Vorwurf - vor allem an die 11. Jugendstudie - , sie habe unter dem "Verfallsaspekt" zu sehr den kirchlichen Bereich in den Mittelpunkt gestellt, dabei aber den individuellen wie den öffentlich-gesellschaftlichen Aspekt von Religion ausgeblendet. Hier benennt die Verf. sehr klar einen nicht von der Hand zu weisenden Mangel am Religionsbegriff der Shell-Studien.

Um diesen unklaren Religionsbegriff genauer zu fassen, unternimmt die Verf. einen weiteren Analyseschritt, indem sie neben den soziologischen einen religionspsychologischen Deutungsrahmen stellt. Dabei stützt sie sich auf das in der Forschung etablierte Modell des finnischen Religionspädagogen Kalevi Tamminen, der "Religion" als multidimensionales anthropologisches Phänomen versteht (ders., Religiöse Entwicklung in Kindheit und Jugend, Frankfurt/M., Bern, New York 1993). Während die Jugendstudien nur zu zwei religiösen Dimensionen Items entwickelt haben, bietet Tamminen fünf Funktionen von Religion an, die eine klarere Phänomenologie des Begriffs erlauben: Die Erfahrungsdimension, die ideologische, intellektuelle, ritualistische und konsequentielle Dimension. Durch den Vergleich mit Tamminen wird deutlich, wie sehr die Shell-Studien jugendliche Religiosität auf die formale, rituelle Frequenz und Partizipation am konfessionellen Christentum reduzieren (165), dabei aber wesentliche andere Bereiche ausblenden.

Die Stärke der vorliegenden Arbeit liegt zum einen darin, dass sie aufzeigt, wie die Autoren der Shell-Studien in der Beurteilung einzelner Fragen, z.B. in der Einschätzung des Phänomens der Säkularisierung, offenbar veralteten Klischees aufgesessen sind, die dem neuesten Stand der religionspädagogischen Forschung nicht mehr standhalten. Eine andere Stärke der Arbeit liegt in ihrem wissenschaftstheoretischen Impuls: Zur Behebung der genannten Defizite fordert die Verf. die sozialwissenschaftliche Jugendforschung mit Recht auf, in Religionspädagogik und Theologie stärker als bisher die Bezugsgrößen für einen interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs zu sehen. Allderdings hält Thonak richtig fest, dass auch Religionspädagogik und Theologie ihrerseits die Möglichkeit wahrnehmen müssten, sich im "einseitig stummen Dialog" mit der Jugendforschung zu engagieren.

Mit der vorliegenden Arbeit ist zweifellos ein erster Schritt in diese Richtung getan. Der Band ist trotz des umfangreichen Datenmaterials flüssig lesbar geschrieben und leistet m.E. zweierlei: Erstens stellt er für wissenschaftlich arbeitende Religionspädagog/-innen eine ganze Reihe soziologischer Standards in Frage, auf die sich die Jugendforschung seit langem selbstverständlich stützt. Zweitens bestätigt er für alle, die in der täglichen Praxis der Schule oder der Jugendarbeit stehen, die Breite und Vielfalt jugendlicher Religiosität, keineswegs nur ihren Verfall oder gar ihre Nichtexistenz.

Christian Cebulj


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Eltrop, Bettina/Hecht, Anneliese (Hrsg.): Frauenbilder

Eltrop, Bettina/Hecht, Anneliese (Hrsg.): Frauenbilder(Frauen/Bibel/Arbeit; Bd. 1). - Stuttgart: Verlag Kath. Bibelwerk/Düsseldorf: Klens-Verlag. 1998. 80 S., DM 17.90 (ISBN 3-460-25218-2/KBW; 3-87309-157-7 Klens)

Das vorliegende Bändchen ist das erste einer neuen Reihe, mit der die Herausgeberinnen das Wissen und die Arbeit der Frauen in Bezug auf die Bibel aufzeigen und weitergeben, Anregungen für die praktische Umsetzung anbieten und Lebensthemen von Frauen aus biblischer Sicht in den Mittelpunkt stellen wollen (7 f.). Angekündigt sind nach diesem ersten die Hefte Frauenleben und Frauenstreit; vorgesehen sind zwei Hefte pro Jahr. Hier nun das Anliegen, "einen ersten Zugang zum Verstehen von biblischen Frauengeschichten (zu) wagen" (8). Entsprechend dem allen Bänden zugrunde liegenden Konzept stellt zunächst Sabine Bieberstein (auf sieben Seiten) grundlegende Überlegungen zum Thema "Frauenbilder der Bibel" vor, gibt ein paar Hinweise zur Hermeneutik der entsprechenden Texte und unternimmt eine erste Typisierung dieser Frauenbilder.

Es folgen in der Rubrik "Bibelarbeiten" sechs Beiträge zu einigen dieser Frauentypen, wobei alle Autorinnen zunächst die Frauen und das Besondere ihres Lebens in ihrem jeweiligen biblisch-historischen Kontext kurz vorstellen, um sodann eine mögliche Bibelarbeit zum Text vorzuschlagen, die dem Drei-Schritt "1. Auf den Bibeltext zugehen - 2. Den Bibeltext verstehen - 3. Mit dem Bibeltext weitergehen" folgt. Bearbeitet werden Textabschnitte über Die Tüchtige (Spr 31), Die Kluge (Abigajil, 1 Sam 25,2-42), Die Listige (Tamar, Gen 38), Die Dienende (Schwiegermutter des Petrus und Frauen aus Galiläa, Lk 8, 1-3; Mk 1,28-31; 15,41), Die Standhafte (Rizpa, 2 Sam 21,1-14), Die Prophetin (Maria, bes. Magnifika, Lk 1,46-55).

Abschließend folgt ein kurzes Kapitel (8 Seiten) zu methodischen Vorschlägen, welche mit der Zeit quasi ein "Handbuch der Bibelarbeit" (69) ergeben sollen. In diesem Band steht im Mittelpunkt das "Drei-Phasen-Modell", an welchem sich die Beiträge im zweiten Teil selbst orientiert hatten, als "Grundmodell für eine erfahrungs- und lebensbezogene Bibelarbeit": Verringerung des Abstands zwischen dem Text und mit/uns, Kennenlernen und genaues Erfassen des Textes inklusive historisch-kritischer und struktureller Arbeit, Transfer der gewonnenen Erkenntnisse auf unser Fühlen, Denken, Handeln. An dieser Stelle listen die Hg. einige für die unterschiedlichen Phasen geeigneten Methoden stichwortartig auf und verweisen zur Vertiefung auf zwei Monographien von Autorinnen des Redaktionskreises selber.

Überzeugend an diesem ersten Bändchen ist vor allem das gut abgestimmte und durchgehaltene Grundkonzept. Die einzelnen Teile sind aufeinander bezogen, man merkt die intensive redaktionelle Arbeit. Die Beiträge sind sehr leicht lesbar, auch Frauen zugänglich, die keine theologischen Studien absolviert haben, sich aber dennoch für Frauenbibelarbeit interessieren. Der o.a. Intention, einen "ersten Zugang" zu schaffen, entsprechen auch die sehr praktischen Hinweise für die Umsetzung des Drei-Phasen-Modells ebenso wie der wichtige Hinweis auf die Notwendigkeit einer klaren Zielfestlegung vor der methodischen Planung. Didaktik vor Methodik also, ohne dass diese Begriffe benützt würden (77).

Zu bemängeln ist, dass grundsätzlich die für die Erstellung der Beiträge verwendete Literatur nicht angegeben wird, weder individuell noch pauschal. Alle gegebenen Informationen waren schon an anderer Stelle nachzulesen, dort z.T. erheblich detaillierter. Selbst wenn es den Hg. nicht um eine wissenschaftliche Darstellung geht, sollten doch zumindest die Quellen zugänglich gemacht und die (zumeist Frauen) genannt werden, die die exegetische Vorarbeit geleistet haben.

Angesichts des Preises stellt sich allerdings die Frage, ob frau wirklich z.B. 48 DM in die ersten drei Bändchen investieren will oder ob der Griff zu ein oder zwei exegetischen Einführungen zum Thema plus einem neueren Methodenhandbuch nicht dieselben oder gar bessere Dienste täte. Ob die thematische Ordnung der vorgestellten Texte diese spezielle Anschaffung demgegenüber lohnt, hängt ab vom Konzept der angestrebten Frauenarbeit und werden die Folgebändchen zu zeigen haben.

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Hottinger, Arnold, Islamische Welt. Der Nahe Osten. Erfahrungen, Begegnungen, Analysen

Hottinger, Arnold: Islamische Welt. Der Nahe Osten. Erfahrungen, Begegnungen, Analysen. - Paderborn u. a.: Verlag Schöningh. 2004. 652 S., 2 Karten. - 49.90 (ISBN 3-506-71800-2

Wer in den vergangenen Jahrzehnten die Geschicke des Nahen Ostens aus politischer, kultureller oder religiöser Perspektive verfolgt hat, ist mit Sicherheit immer wieder dem herausragenden Nahost-Experten Arnold Hottinger von der Neuen Züricher Zeitung begegnet, dies nicht nur in Form seiner regelmäßigen Berichte und Analysen in der Presse, sondern auch als Autor wichtiger Werke aus den genannten Bereichen. Der Leser macht sich mit großen Erwartungen an die Lektüre des umfangreichen vorliegenden Werkes und wird nicht enttäuscht. Nach der Lektüre weniger Seiten steht er im Bann des Autors. Es bestechen sein klarer und floskelloser Stil, sein umfassendes aber sich nie in unnötiges Detail verlierende Wissen, seine messerscharfen Analysen und Ausblicke, nicht zuletzt aber seine Sensibilität und Humanität. Es gibt keinen bedeutenden Aspekt des geschichtsträchtigen Nahen Ostens, dieser von inneren Spannungen ebenso wie von von außen an sie herangetragenen Konflikten überreichen Region, den Hottinger in diesem monumentalen "Erfahrungsbericht" nicht als persönlich erlebt, reflektiert und erwogen auf den Prunkt gebracht hätte.

Nicht nur die politischen Analysen des Autors sind bedeutsam, sondern gerade seine durchweg originellen Einblicke und Einsichten, die sich aus seinem Erleben so vieler "magischer Orte" ergeben. Deren Beschreibungen bleiben im Gedächtnis haften. Unter den vielen etwa diese: Die Schilderung des Kerns der Altstadt von Damaskus mit dem Gang durch den großen Basar zur Umayyaden-Moschee. Hottinger erlebt sie "als Öffnung": "Im Zentrum dieses Getriebes öffnet sich ein weiter Raum, leer unter dem Himmel. Dies ist der Hof der großen Umayyaden-Moschee. Die Menschen treten durch den mit antiken Marmorfriesen reich verzierten Torrahmen über die erhöhte Schwelle auf den geheiligten Boden; ihre Schuhe streifen sie in lässiger, altgewöhnter Geste ab, dann richten sie sich auf in einer Welt der Öffnung und Ruhe, direkt unter dem plötzlich sichtbar gewordenen weithin leuchtenden Himmel" Der plötzliche Übergang aus dem gedrängten Marktleben in die große Lichte lässt aufatmen und aufblicken. Der Alltag fällt weg." (48)

Ebenso meisterhaft etwa auch die Beschreibung des "einzigartigen Basars von Aleppo" (90f.), die Erkundung der Stadt Hamadan und ihrer Zweischichtigkeit: "Die neuere Stadt war der alten übergelagert und in sie eingeschnitten, doch die alte beherbergte nach wie vor mehr und intensiveres, dichteres und intimeres Leben als die sie durchschneidenden und dann in die neuere Außenstadt fortgesetzten Boulevards, von denen man auf den ersten Blick glauben konnte, sie machten allein die ganze Stadt aus. Das Ganze konnte man leicht als ein Sinnbild der Lage ganz Persiens und aller Iraner auffassen."(148)

Weitere besonders gelungene Vignetten sind: Atatürk und die Aufklärung in der modernen Türkei (246); die Erklärung des Einflusses und der Macht der Ayatollahs (635), die Labyrinth-artigen Wirrungen und Irrungen der politischen Szene Syriens (338ff.) und nicht zuletzt auch die Analyse der Doppelnatur der libanesischen Politik (285f.; 344ff.) : "«L´état» auf arabisch hieß daula, und die daula war seit osmanischen Zeiten etwas Fremdes, meist Gewalttätiges, das man zähmen und täuschen musste wie einen Kampfstier und das man, wenn man tüchtig war und seinen wenig gelenkten Angriffen geschickt genug auswich, zum Schluss schlachten konnte."

Außerordentlich einsichtsreich und klar scheinen dem Rez. schließlich die letzen Abschnitte des Werkes, die von der arabischen und islamischen Welt seit der iranischen Revolution handeln. Es ist mir keine Analyse der Ereignisses im Nahen Osten während der letzen zwei bis drei Jahrzehnte bekannt, die auf so knapp bemessenem Raum eine schärfere Analyse der Ereignisse verbunden mit beachtlichen Wertungen und mit Ausblicken auf die Zukunft in so lesbarer Form bieten würde. Der "Nahost Experte und Korrespondent der NZZ", Arnold Hottinger, zeigt sich in diesem monumentalen Rückblick auf sein aktives Leben als einer der großen Meister seines Metiers.

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Frevel, Christian / Wischmeyer, Oda: Menschsein. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments. DIE NEUE ECHTERBIBEL

Frevel, Christian / Wischmeyer, Oda: Menschsein. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments. DIE NEUE ECHTERBIBEL - Themen; Bd. 11. - Würzburg: Echter Verlag. 2003. 133 S. EUR 14.40 (ISBN 3-429-02177-4)

Die Lehre der Bibel über den Menschen zu beschreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Denn die Frage: "Was ist der Mensch?" ist eine philosophische Frage. Die Theologie fragt viel mehr: "Was soll der Mensch tun?" und "Was soll der Mensch glauben?" Auf das erste antwortet die Moraltheologie, auf das zweite die Dogmatik. Beide speisen sich aus der Hl. Schrift. Deshalb sagen auch die beiden Autoren, weder das AT noch das NT bieten eine ausdrückliche Anthropologie (S. 9.77.102.121f). Sie sprechen beide nur über den Menschen in seiner Beziehung zu Gott, beide Autoren nennen das eine "relationale Anthropologie". Da allerdings haben beide Testamente Gewichtiges zu sagen: "Es gibt den Menschen nur von Gott und vor Gott" (S.86). - Christian Frevel formuliert in der Zusammenschau (im "Dialog" zwischen AT und NT, S.121ff) wertvolle Einsichten: "Im Alten Testament wird, grob gesagt, stärker über die Herkünftigkeit des Menschen, im Neuen Testament über seine Zielgerichtetheit gehandelt" (122). "Die Rede von Geschöpflichkeit und Vergänglichkeit, von Körperlichkeit und Sexualität, von der Komplementarität der Geschlechter, von der Sozialität und Kulturalität des Menschen, von seiner Verantwortung und Aufgabe sowie von der gleichen Würde aller geschaffenen Menschen und dem unverlierbaren Verhältnis des einzelnen zu seinem Schöpfer sind Bereiche, in denen das Alte Testament unaufgebbare und bleibende theologische Einsichten formuliert" (ebd.). All diese Punkte stellt Frevel im ersten Teil (7-60) ausführlich dar. "Die Schöpfungserzählungen (Gen 1-3) bzw.die biblische Urgeschichte (Gen 1-11) haben eine anthropologische Dichte sondergleichen" (11). Die Themen im einzelnen sind: Menschwerdung im AT (12-19), Mitten im Leben vom Tod umfangen (20-24), Menschsein im AT (26-42). Arbeit und Ruhe: Die Bestimmung des Menschen (49-56), Die Hoffnung des Menschen im Land der Lebenden (57-60). - Probleme bereitet ihm - und dem Leser - dabei das Verhältnis von Leib und Seele und deren Weiterleben im AT, der sogenannte Dichotomismus, den es angeblich im AT nicht gebe (27f). Erst im hellenistischen Weisheitsbuch sei der Gedanke an die weiterlebende Seele aufgetaucht (58). Er muss aber doch auch berichten, dass schon in Gen 3,22: "...damit er nicht ewig lebt", in 1 Sam 2,6: "Gott führt von der Unterwelt herauf" und Koh 3,21: "steigt der Atem (ruach) nach oben?" sehr früh von der Hoffnung auf Leben nach dem Tod die Rede ist. Man hätte sich gewünscht, daß im "Dialog" vom NT her 1 Petr 3,19f einbezogen würde: Die "Geister im Gefängnis" sind gerade jene "Geister" (pneúmata, von ruach Gen 6,3-7,22), die "nicht im Menschen bleiben sollten", aber auch in der Sintflut nicht untergehen konnten.

Oda Wischmeyer beginnt mit neutestamentlichen Herkunftsbezeichnungen für Menschen aus Familie, Ort, Alter, Beruf etc. Der Erkenntnisgewinn ist gering, eher anekdotisch. Spannender wird es, wenn sie von den Erzählungen des NT über das Wirken Jesu an den Menschen berichtet: "Das Volk ist Gegenstand des Erbarmens Jesu" (80). "Jesus begegnet Menschen" (ebd.). Das Menschenbild des NT sei aber schematisch. "Jede Differenzierung und Individualisierung fehlt. Als einziger Mensch ... hat Jesus bestimmte individuelle Züge" (83). "Lediglich Paulus begegnet als sich selbst aussprechendes Individuum" (84). Dementsprechend stellt Oda Wischmeyer vor allem die Anthropologie des Paulus dar ("Zentrum unserer Darstellung", S.89). Das ist ihr (S.89-106) mit Röm 1-3etc.: allgemeine Sünde - allgemeine Erlösung durch Christus im Glauben, gelungen. Wohl deshalb sieht aber das Jesusbild ihrer Darstellung etwas schmalbrüstig aus. Er hat seine Lehre "nur auf ,die verlorenen Schafe des Hauses Israel´ (Mt 10,6; 15,24) bezogen. Die Heiden sind nicht in seinem Blick", sagt sie (S.86,87). Was sagt sie dann aber zu Mt 8,11: "Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen im Reiche Gottes"? Und zu Mt 28,19: "Geht hin in alle Welt und lehret alle Völker"? Und zum Gleichnis von den bösen Winzern, denen "das Reich genommen und einem andern Volke gegeben wird, das seine Früchte bringt" (Mt 21,43)? Und vor allem: Wie geht damit der große, kosmische, für die ganze Welt bedeutsame Christus des Paulus zusammen, den sie im Folgenden selbst darstellt? "Christus ist hier (in Röm 3,21-26) von seinem Tod her als derjenige verstanden, der korporativ für alle Menschen Sühne geleistet hat, so dass ein neues Verhältnis Gottes zu den Menschen möglich würde" (97). Die Anthropologie Jesu, die sie aus dem Vaterunser erschließt, fasst sie kurz so zusammen: "a) die Menschen stehen immer vor Gott, b) Gott erhält die Menschen" (86). Die Anthropologie der synoptischen Jesustraditon gliedert sie in drei Punkte: "Der Mensch als Geschöpf, der Mensch als Schuldner und als Erneuerter angesichts der kommenden Gottesherrschaft, der Mensch, der Gottes Willen tut." "Die Essenz der Anthropologie Jesu liegt in der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die als Kindschaft ausgelegt ist: Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist (Mt 5,48)." Die Anthropologie des Paulus wird so zusammengefasst: "Der Mensch steht im Mittelpunkt seiner Mission..., nicht aber als der Mensch, sondern als der erlöste Mensch und auch als der nicht erlöste Mensch. (Dabei) denkt er nicht ontologisch in verschiedenen Seinsweisen..., sondern theologisch, d.h. relational von Gott aus. Aus menschlicher Sicht verläuft damit die Scheidelinie zwischen Glauben und Nicht-Glauben" (102). Bedenkenswert ist wieder der Schlussakkord: "Die eigentliche Dimension des Menschen ist seine Zukunft" (109.111). Ein Blick auf die allgemeine heutige Anthropologie, welche ihrerseits die christliche "nicht zur Kenntnis nimmt" (107.111), rundet das Buch ab. Wegen vieler Einzelerkenntnisse lohnt sich die Lektüre.

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Höhn, Hans-Joachim: Vernunft - Glaube - Politik. Reflexionsstufen einer Christlichen Sozialethik

Schockenhoff, Eberhard: Zur Lüge verdammt? Politik, Medien, Medizin, Justiz, Wissenschaft und die Ethik der Wahrheit. Freiburg u.a.: Verlag Herder. 2000. 526 S. 35.00 (ISBN 3-451-27369-1)
Stellt das moralische Verbot der Lüge eine Überforderung des Menschen dar (18)? Ausgehend von dieser Frage, die nur eine "pessimistische Anthropologie" (31) bejahen kann und welche Eberhard Schockenhoff im ersten Kapitel ("Beitrag der Humanwissenschaften", 13-40) mit Hinweis auf den Menschen als Freiheitswesen, der Kontextgebundenheit menschlicher Rede und der eigenständigen Geltungslogik moralischer Normen verneint, entwirft der Freiburger Moraltheologe ein Handbuch zu einem grundlegenden Bereich angewandter Ethik. Wer sich vom etwas reißerisch formulierten Titel nicht abschrecken lässt und zu lesen beginnt, vermag sich nur noch schwer vom Text zu lösen. In den ersten drei Kapiteln erarbeitet der Verfasser die historischen und systematischen Grundlagen einer Wahrheitsethik (13-206), die Kapitel vier bis sieben behandeln mit den Bereichen Wissenschaft, Medien, Recht und Medizin konkrete Problemfelder (207-264), das kurze achte Kapitel besteht aus einem Epilog, in welchem die Überlegungen im christlichen Sinnhorizont gedeutet und vertieft werden (504-514).
Das zweite Kapitel (41-130) bietet einen historischen Überblick über die ethische Behandlung der Wahrheitsfrage ausgehend von Augustinus mit seinem kompromisslosen Lügenverbot, über Thomas v.A., der die Thematik im Zusammenhang mit der Tugend der Wahrhaftigkeit behandelt und die situative Adäquatheit einer Aussage hervorhob, die Neuzeit mit der Falsiloquientheorie (eine Falschaussage ist erst dann verwerflich, wenn keine Rechtsverletzung hinzukommt) und Kants rigoristischem Lügenverbot bis hin zu gegenwärtigen Beiträgen, in welchen insbesondere teleologische Ansätze und die Deutung einer Pflichtenkollision mit der unumgehbaren Konsequenz des Schuldigwerdens aufgenommen werden. Der Verfasser schließt sich der rigoristischen Tradition des Lügenverbots bei Augustinus, Thomas und Kant an, kritisiert eine rein auf die Folgen rekurrierende teleologische Begründung, ist aber in seinem eigenem Konzept der "situationsadäquaten Wahrheit" immer wieder bereit, Folgenüberlegungen in sein ethisches Urteil einzubeziehen (153: Hebammen von Ex 1, 15-21!, 196f, 202).
Ausgehend vom biblischen Wahrheitsverständnis erläutert er im dritten Kapitel (131-206) moraltheologische Aspekte: Neben dem Aussagewert der Wahrheit (logische Wahrheit) sollte auch deren personale Ausdrucksqualität (Tugend der Wahrhaftigkeit) und deren kommunikativer Grundsinn (Anerkennung des Anderen) mitbedacht werden (194), das moralische Urteil über eine Aussage nur aus dem Kontext heraus gefällt werden. Oberste Richtschnur und Norm bleibe die Liebe (204).
Erkenntnisleitend für den zweiten Buchteil ist die Bedeutung, die der Autor der immanenten Handlungsrationalität der jeweiligen Sachbereiche zuerkennt (206). Was folgt, sind vier eigenständige "kleine Tugendethiken" zu den Bereichen Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit, Recht und Medizin.
Im vierten Kapitel zur Suche nach der Wahrheit in der Wissenschaft (207-264) kritisiert der Verfasser eine naive Fortschrittsgläubigkeit, erläutert die Tugenden eines Wissenschaftlers wie Sachlichkeit, Konsistenz, Bescheidenheit und geißelt so manches Fehlverhalten wie das Plagiat oder das Nichtnennen von Mitarbeitern.
Unter dem Titel "Wahrheit in der demokratischen Öffentlichkeit und in der medialen Kommunikation" entwirft der Verfasser die Grundrisse einer Medienethik, insofern die Geschichte der Pressefreiheit, Interpretationsmodelle medial erzeugter Wirklichkeit genauso wie eine Tugendethik der Medienschaffenden und -nutzer geboten wird (5. Kap., 265-352). Besonders spannend sind die drei Exkurse zur Ausschwitzlüge, den Wahrheitskommissionen und der Politikerlüge zu lesen.
Im sechsten Kapitel zur Wahrheitsfindung im Recht (353-442) wird sehr akribisch in die Welt der juristischen Hermeneutik und der richterlichen Urteilsfindung im Zivil- und Strafprozess eingeführt und insbesondere der Eid als Instrument der Wahrheitsfindung kritisch beleuchtet. Ein ausführlicher Exkurs zum innerkirchlichen Gebrauch des Eides lässt schließlich auch die Bereitschaft des Theologen zur (notwendigen) Kritik an der eigenen Kirche und ihrem Treueeid durchblicken, wenn diese auch sehr behutsam formuliert wird.
Schließlich folgt eine Abhandlung zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der Medizin (7. Kap., 443-503). Historisch-ideengeschichtlichen Überlegungen folgen tugendethische Reflexionen zum Handeln und Entscheiden der Ärztinnen und Ärzte. Abgeschlossen wird das Kapitel mit Gedanken zur Arzt-Patienten-Beziehung. Besonders hervorzuheben ist hier die sensible und gleichwohl kritische Erläuterung der Wahrheit im ärztlichen Gespräch, wobei oberste Richtschnur das Wohlergehen des Patienten bleiben müsse (476). Auffällig ist, dass in erster Linie die Arztperspektive in den Blick genommen wird, eine "Tugendethik für die Patienten" fehlt.
Der erwähnte Epilog schließt das Handbuch mit einer theologischen Interpretation ab, die in ein Plädoyer für Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden mündet (Kap. 8, 504-514).
Personen- und Sachregister ermöglichen das leichte Auffinden von Einzelthemen gemäß den verschiedensten Interessen, mit welchen Leserinnen und Leser zu diesem Handbuch greifen werden. Das ideengeschichtlich und tugendethisch geprägte Grundlagenwerk mit seinen Exkursen zu aktuellen Herausforderungen vermag Welten zu eröffnen und ist als interdisziplinäres Nachschlagewerk sehr zu empfehlen.


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Eine Welt ohne Gott? Religion und Ethik in Staat, Schule und Gesellschaft (Genshagener Gespräche; Bd. III)


Sauzay, Brigitte/Thadden, Rudolf v. (Hg.): Eine Welt ohne Gott? Religion und Ethik in Staat, Schule und Gesellschaft (Genshagener Gespräche; Bd. III). - Göttingen: Wallstein Verlag. 1999. 232 S., DM 38,00 (ISBN 3-89244-362-9)
Der von Brigitte Sauzay, Beraterin für deutsch-französische Beziehungen im Bundeskanzleramt, sowie Rudolf von Thadden, Historiker aus Göttingen, herausgegebene, sehr vielfältige Band dokumentiert eine deutsch-französische Tagung, die Anfang Mai 1997 in Genshagen stattgefunden hat. Grenzüberschreitend und zu dem Thema in dieser Form wohl erstmalig wurden hier aktuelle Fragen zu Religion und Ethik in Staat, Schule und Gesellschaft von Fachleuten interdisziplinär diskutiert. Dem Verlauf der Tagung folgend sind die insgesamt 20 Einzelbeiträge den Komplexen "Kirche und Gesellschaft im historischen Vergleich" und "Ethik- und Religionsunterricht in multikulturellen Demokratien" zugeordnet. Beide Teile sind wiederum in je drei verschiedene Diskussionsrunden untergliedert, die sich ausgewählten Einzelaspekten widmen. Die Thematik wird darin sowohl aus französischer als auch deutscher Sicht beleuchtet. Der Tagungsband gibt zunächst, durch Beiträge von Paul Viallaneix und Jean Baubérot, Einblick in die Entwicklung des französischen Laizismus. Während Viallaneix sein Augenmerk auf die Rolle Edgar Quinets in diesem Prozess richtet, betrachtet Baubérot vor allem die Endphase der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er sieht den sich verstärkt in dieser Zeit abspielenden Konflikt zwischen dem "klerikalen" und dem "antiklerikalen Frankreich" als ein herausragendes Element der Entstehung des modernen französischen Staates (S. 27). Wolfgang Huber, Landesbischof von Berlin-Brandenburg, stellt dem französischen Laizismus das deutsche Modell von Säkularität gegenüber. Als paradigmatisch für das deutsche Staat-Kirche-Verhältnis beurteilt er die Debatten um die Paulskirchenverfassung, die in Deutschland einer aufgeklärten Säkularität die Bahn geebnet haben (S. 37). Die in diesem Kontext entwickelten staatskirchenrechtlichen Grundsätze wurden aber erst durch die Weimarer Reichsverfassung auch förmlich in Kraft gesetzt. Mit der großen Bedeutung Condorcets für die Beurteilung des Verhältnisses von Laizismus und Moderne in Frankreich befasst sich Charles Coutel. Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht dabei die von diesem entfaltete Anwendung des laizistischen Prinzips auf die Schule (S. 114 ff.), womit er thematisch bereits in den zweiten Teil der Tagung vorgreift. Coutel stellt fest, dass nach Condorcets Ansicht der Staat nicht erziehen, sondern nur Bildung vermitteln soll (S. 108, 112). Darin kommt, wie von Paul Valadier in einem eigenen Vortrag zum zweiten Tagungsthema herausgearbeitet wird, ein aufklärerisches Vernunftverständnis zum Ausdruck, das ganz auf die allein durch Wissen vermittelte Herausbildung eines kritischen Verstandes vertraut (S. 218). Die republikanische Schule hat nach diesem Verständnis die Aufgabe, das Kind aus seinen parteiischen Zugehörigkeitsverhältnissen zu lösen und von jeglicher Indoktrination zu befreien, ein Ziel, das jede Form religiöser Unterrichtung ausschließt. Wie diese Gedanken bis heute fortwirken, wird in einem Beitrag von Jean-Paul Martin über das französische Modell der Staatsbürgerkunde deutlich. Martin weist darauf hin, dass Themen wie der Sinn des Lebens nicht in der französischen Schultradition verankert sind (S. 213). Dementsprechend soll auch das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde vor allem Wissen vermitteln, Moral wird ausgeklammert, alles Private ist tabu. Martin resümiert, dass eine bestimmte Lesart des Laizismus zu einer Vergrößerung des ethischen Defizits der staatlichen Schule beigetragen hat (S. 214). Mit dem Thema LER hat die Tagung schließlich einen weiteren kontroversen Diskussionsgegenstand aufgegriffen, der auch in Frankreich nicht geringe Beachtung findet. Während der Theologe Richard Schröder in seinem Beitrag den LER-Unterricht in Brandenburg als Fortsetzung der DDR mit anderen Mitteln bewertet, verteidigt Marianne Birthler, erste Kultusministerin des Landes, das Fach als angemessene Reaktion auf die Defizite, die in der DDR entstanden sind (S. 175). Die Positionen bleiben hier im Ergebnis unversöhnlich. "Potsdam scheint näher bei Paris zu liegen als München", schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort und bringen die Diskussion damit auf eine prägnante Formel. Die soeben zitierten acht Beiträge machen nicht einmal die Hälfte des Tagungsbandes aus, stehen aber bereits exemplarisch für die große perspektivische Vielfalt, mit der sich das Buch den beiden Hauptthemen widmet. Die Veröffentlichung ist für die weitere Diskussion des Staat-Kirche-Verhältnisses und der schulischen Wertevermittlung von nicht zu unterschätzendem Wert. Gerade der deutsch-französische Vergleich gibt wichtige neue Einblicke und regt dazu an, nationale Fragestellungen neu zu überdenken.

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Schul- und Prüfungsrecht. Band 1: Schulrecht



Avenarius, Hermann/Heckel, Hans: Schulrechtskunde. Ein Handbuch für Praxis, Rechtsprechung und Wissenschaft — Neuwied/Kriftel: Verlag Luchterhand. 7., neubearb. Aufl. 2000. XXXIII, 699 S., DM 88,00 (ISBN 3-472-02175-6)



Niehues, Norbert: Schul- und Prüfungsrecht. Band 1: Schulrecht (NJW-Schriftenreihe; Bd. 27/1) - München: Verlag C.H. Beck. 3., neubearb. Aufl. 2000. XXIX, 337 S., DM 68,00 (ISBN 3-406-38346-7)



Mit den beiden zu besprechenden Titeln sind zwei schulrechtliche Werke in Neuauflage veröffentlicht worden, deren letztes Erscheinen noch in die Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung fällt. Es bedarf deshalb keiner langen Ausführungen, um aufzuzeigen, welche weit reichenden Veränderungen sich im Schulrecht seitdem ergeben haben. Diese betreffen nicht nur die Gesetzgebung in den neuen wie alten Bundesländern. Ebenfalls die Rechtsprechung hat sich bedeutend fortentwickelt, man denke beispielsweise an das umstrittene, in beiden Büchern behandelte Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Mit der aktuellen Auflage sind beide Werke nunmehr wieder auf neuestem Stand und berücksichtigen auch gegenwärtige Streitfragen wie die Einführung des Unterrichtsfaches Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde in Brandenburg.

Die von Hans Heckel begründete und jetzt in 7. Auflage von Hermann Avenarius, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt a. M., fortgeführte Schulrechtskunde war schon ehedem ein Klassiker der schulrechtlichen Literatur. Sie wird auch in Neuauflage dem Anspruch, Handbuch für Praxis, Rechtsprechung und Wissenschaft zu sein, in vollem Umfang gerecht. In drei Teilen - zum Schulwesen allgemein, zur Rechtsstellung der Lehrer sowie zur rechtlichen Stellung von Eltern und Schülern - werden die einschlägigen Rechtsfragen in großer Ausführlichkeit behandelt. Die Darstellung überzeugt nicht nur durch ihren für den juristischen Laien verständlichen Stil, sondern gleichermaßen durch die zahlreichen Nachweise der jeweils relevanten landesrechtlichen Gesetzesbestimmungen. Hervorzuheben ist, dass das Buch nicht bei den rechtlichen Aspekten verharrt, sondern ebenso bildungspolitische Gesichtspunkte, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Privatschulfreiheit (S. 197 ff.), aufgreift. Neben seiner Verständlichkeit besticht das Handbuch durch eine übersichtliche, klare Gliederung und einen nützlichen Anhang (S. 661 ff.), in dem unter anderem nach Bundesländern geordnet auf weiterführende Literatur hingewiesen wird. Als äußerst hilfreich erweist sich zudem ein umfangreiches Sachregister (S. 677-699).

Im Vergleich zur Schulrechtskunde muss das Buch von Norbert Niehues, der Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht in Berlin ist, mit deutlich weniger Seiten auskommen. Für die dienstrechtliche Stellung des Lehrers, die Niehues nicht behandelt, kann er daher nur auf die beamtenrechtliche Literatur verweisen (S. 10). Die in sechs Teile untergliederte Darstellung ist ansonsten von großer inhaltlicher Dichte, alle wichtigen Fragen der Organisation des Schulwesens, der Schulpflicht, der Unterrichtsgestaltung und schulischer Leistungsbewertungen werden behandelt. Besonders hinzuweisen ist auf einen ausführlichen prozessrechtlichen Teil, in dem der Verfasser auf die Fragen des Verwaltungsrechtsschutzes im Schulwesen eingeht (S. 300-329). Durchlaufend sind im gesamten Text wichtige Schlüsselbegriffe sowie weitere Worte und Satzteile, die der Autor besonders betont wissen möchte, durch Fettdruck hervorgehoben. Die Lesbarkeit verbessert dies nicht immer, weniger wäre hier bisweilen mehr gewesen.

Niehues hat seinen Titel nicht als Handbuch angelegt, der ebenso aktuellen, mehr als Nachschlagewerk gestalteten Schulrechtskunde von Avenarius/Heckel kann und will sein Buch daher kaum Konkurrenz sein. Für eine erste Orientierung in einzelnen Sachfragen liegt der Griff zur Schulrechtskunde im Zweifel näher.



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Schulrechtskunde. Ein Handbuch für Praxis, Rechtsprechung und Wissenschaft



Avenarius, Hermann/Heckel, Hans: Schulrechtskunde. Ein Handbuch für Praxis, Rechtsprechung und Wissenschaft — Neuwied/Kriftel: Verlag Luchterhand. 7., neubearb. Aufl. 2000. XXXIII, 699 S., DM 88,00 (ISBN 3-472-02175-6)


Niehues, Norbert: Schul- und Prüfungsrecht. Band 1: Schulrecht (NJW-Schriftenreihe; Bd. 27/1) - München: Verlag C.H. Beck. 3., neubearb. Aufl. 2000. XXIX, 337 S., DM 68,00 (ISBN 3-406-38346-7)


Mit den beiden zu besprechenden Titeln sind zwei schulrechtliche Werke in Neuauflage veröffentlicht worden, deren letztes Erscheinen noch in die Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung fällt. Es bedarf deshalb keiner langen Ausführungen, um aufzuzeigen, welche weit reichenden Veränderungen sich im Schulrecht seitdem ergeben haben. Diese betreffen nicht nur die Gesetzgebung in den neuen wie alten Bundesländern. Ebenfalls die Rechtsprechung hat sich bedeutend fortentwickelt, man denke beispielsweise an das umstrittene, in beiden Büchern behandelte Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Mit der aktuellen Auflage sind beide Werke nunmehr wieder auf neuestem Stand und berücksichtigen auch gegenwärtige Streitfragen wie die Einführung des Unterrichtsfaches Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde in Brandenburg.
Die von Hans Heckel begründete und jetzt in 7. Auflage von Hermann Avenarius, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt a. M., fortgeführte Schulrechtskunde war schon ehedem ein Klassiker der schulrechtlichen Literatur. Sie wird auch in Neuauflage dem Anspruch, Handbuch für Praxis, Rechtsprechung und Wissenschaft zu sein, in vollem Umfang gerecht. In drei Teilen - zum Schulwesen allgemein, zur Rechtsstellung der Lehrer sowie zur rechtlichen Stellung von Eltern und Schülern - werden die einschlägigen Rechtsfragen in großer Ausführlichkeit behandelt. Die Darstellung überzeugt nicht nur durch ihren für den juristischen Laien verständlichen Stil, sondern gleichermaßen durch die zahlreichen Nachweise der jeweils relevanten landesrechtlichen Gesetzesbestimmungen. Hervorzuheben ist, dass das Buch nicht bei den rechtlichen Aspekten verharrt, sondern ebenso bildungspolitische Gesichtspunkte, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Privatschulfreiheit (S. 197 ff.), aufgreift. Neben seiner Verständlichkeit besticht das Handbuch durch eine übersichtliche, klare Gliederung und einen nützlichen Anhang (S. 661 ff.), in dem unter anderem nach Bundesländern geordnet auf weiterführende Literatur hingewiesen wird. Als äußerst hilfreich erweist sich zudem ein umfangreiches Sachregister (S. 677-699).
Im Vergleich zur Schulrechtskunde muss das Buch von Norbert Niehues, der Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht in Berlin ist, mit deutlich weniger Seiten auskommen. Für die dienstrechtliche Stellung des Lehrers, die Niehues nicht behandelt, kann er daher nur auf die beamtenrechtliche Literatur verweisen (S. 10). Die in sechs Teile untergliederte Darstellung ist ansonsten von großer inhaltlicher Dichte, alle wichtigen Fragen der Organisation des Schulwesens, der Schulpflicht, der Unterrichtsgestaltung und schulischer Leistungsbewertungen werden behandelt. Besonders hinzuweisen ist auf einen ausführlichen prozessrechtlichen Teil, in dem der Verfasser auf die Fragen des Verwaltungsrechtsschutzes im Schulwesen eingeht (S. 300-329). Durchlaufend sind im gesamten Text wichtige Schlüsselbegriffe sowie weitere Worte und Satzteile, die der Autor besonders betont wissen möchte, durch Fettdruck hervorgehoben. Die Lesbarkeit verbessert dies nicht immer, weniger wäre hier bisweilen mehr gewesen.
Niehues hat seinen Titel nicht als Handbuch angelegt, der ebenso aktuellen, mehr als Nachschlagewerk gestalteten Schulrechtskunde von Avenarius/Heckel kann und will sein Buch daher kaum Konkurrenz sein. Für eine erste Orientierung in einzelnen Sachfragen liegt der Griff zur Schulrechtskunde im Zweifel näher.


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