Versuch einer Kosmologie der Befreiung

Buchvorstellung - 21.01.2017



Leonardo Boff / Mark Hathaway
Befreite Schöpfung
Kosmologie – Ökologie – Spiritualität

Ein zukunftsweisendes Weltbild
Mit einem Vorwort von Fritjof Capra
Aus dem Englischen von Bruno Kern
Kelevaer: Butzon & Bercker Verlag. 2016
392 Seiten, 29.95 €
ISBN 978-3-7666-2269-3


Trotz der Themenvielfalt dieses umfangreichen Werkes ist die These recht einfach: Im Westen herrscht eine Ideologie des Wachstums und quantitativen Fortschritts, ein System, von dem immer weniger Menschen profitieren, das sich gegen die Evolution richtet und unausweichlich zum Ökozid, also zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen treibt. Wissenschaftliche Grundlage des Systems ist eine Kosmologie der Herrschaft, eine Pseudokosmologie, die ein sinnloses unbegrenztes Universum beschreibt. Weil diese mechanistisch-patriarchalische Weltsicht den Menschen keinen Sinn bietet, füllen sie die Leere durch sinnlosen Konsum, der wiederum das zerstörerische kapitalistische System am Laufen hält.

Seit der Erforschung der Schwarzkörperstrahlung und der Entwicklung des Quantenmodells hat sich die beschriebene Pseudokosmologie als falsch erwiesen. Im Quantenuniversum hat die mechanistisch verstandene Materie sich selbst transzendiert. Die komplexen Systeme der Systemtheorie bedeuten das Ende des Determinismus. Die Evolutionstheorie muss neu gefasst werden, weil Darwin die allenthalben nachweisbaren plötzlichen Sprünge nicht erklären kann. Im Kosmos ist kreative Emergenz stets möglich. Spontan entstehen Systeme, die sich aus den Eigenschaften ihrer Bestandteile nicht erklären lassen: Galaxien, Atome und Moleküle, Kristalle, lebende Zellen, Organe und Organismen.

Die Kosmologie der Befreiung ist eine zutiefst relationale und ökologische Sicht. Sie bindet alles zusammen zu einer großen Einheit, die mit dem Tao identifiziert wird; darum steht zu Beginn jedes Kapitels ein Abschnitt aus dem Tao de King des Lao Tse. Beschworen wird eine große Synthese, in die Ideen aller Religionen eingearbeitet werden zu einer universalen Sinfonie. Sie verlangt eine neue Einstellung und ein neues Verhalten, das Technozoikum muss durch das Ökozoikum abgelöst werden, und es eilt, soll die Zerstörung des Planeten noch gestoppt werden. Mit Berufung auf die Erd-Charta, an der Leonardo Boff mitgearbeitet hat, werden vier Herausforderungen benannt in der Intention, dass wir uns tatsächlich noch einmal grundlegend neu schaffen: Grenzen akzeptieren, den Schöpfungsprozess als Traum-Erfahrung annehmen, eine innige Verbindung zu allen Seinsformen herstellen und ganz allgemein evolutionsgerechtes Verhalten.

Evolutionsgerechtes Verhalten ist gewiss wünschenswert, und wenn Spiritualität die Menschen dazu motiviert, den Planeten nicht zu schädigen, um so besser. Aber seit der Oberberghauptmann Carl von Carlowitz 1713 das Wort „Nachhaltigkeit“ in die Forstwirtschaft eingeführt hat, das im Buch von Boff/Hathaway nicht vorkommt, gibt es in immer mehr Ländern der Welt Natur- und Umweltschutzgesetzgebung, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen verstehen sich als Anwälte der Umwelt, doch in der „Befreiten Schöpfung“ spielt ausschließlich die Erd-Charta eine Rolle. Auf deren deutscher Webseite treffen sich Umweltinitiativen mit den Gegnern von CETA und TTIP und Anbietern gruppendynamischer Methoden. Die aktuellen Probleme der Umweltpolitik – Windkraftnutzung verändert die Landschaft; Ausstieg aus der Kohleverstromung vernichtet Arbeitsplätze. - sind zu kleinteilig, um in solchen Perspektiven eine Rolle zu spielen.

Wenn wenigstens die Grundlinien der Argumentation einigermaßen überzeugten! Doch diese hält sich durchweg im Hochabstrakten, oft im Vagen; der Konjunktiv und Wörter wie „gewissermaßen“ sind stilbildend. Und vieles stimmt nicht: Die Quantenphysik ist keine spirituelle Unternehmung. „Bell’s Theorem“, auf das die Autoren immer wieder zurückkommen, besagt nicht, dass im Universum eine grundlegende Einheit alles mit allem verbinde, weil durch Quantenverschränkung die Atome über beliebige Distanzen miteinander kommunizieren. Richtig ist, dass John Bell 1964 eine Ungleichung formulierte, die seinen Namen trägt. Systeme, die diese Ungleichung erfüllen, können mit klassischen Berechnungsmethoden behandelt werden, weil aber die Eigenschaften ungestörter, kohärenter Quantensysteme auch über weite Entfernungen voneinander abhängen und erst durch Messungen zu physikalischen Realitäten werden, erfüllen sie die Bellsche Ungleichung nicht. William Wootters und Wojciech Zurek konnten allerdings 1982 beweisen, dass durch Quantenverschränkung keine Informationsübertragung möglich ist, andernfalls würde die Quantenphysik die Prinzipien der Relativitätstheorie verletzen.

Die Autoren haben sich bei anerkannten und umstrittenen Wissenschaftlern bedient und alles übernommen, was zur „großen Synthese“ passen will: Eine eigenwillige Übersetzung des Tao te King, die unkritische Übernahme der umstrittenen „morphischen Felder“ des Rupert Sheldrake, des meistzitierten Autors in diesem Buch. Die ökonomische Behauptung, dass immer weniger Menschen von der technologischen Entwicklung profitieren, widerspricht den Studien von Branko Milanovic, der gezeigt hat, dass die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung in den Jahren 1988-2008 stärker zugenommen haben als die Einkommen der Mittelschichten in den entwickelten Ländern. Stark zugelegt haben aber die Einkommen der Superreichen – vor allem in China, das 585 Milliardäre beherbergt, mehr als jedes andere Land.

Die Autoren haben Großes gewollt und viel, viel Material aufgeboten; aber sie unterscheiden nicht zwischen Tatsachen und Interpretationen, zwischen dem Stand der Wissenschaft, gewagten Hypothesen und erwiesenen Irrtümern. Das mindert die Überzeugungskraft der „befreiten Schöpfung“ deutlich.


Karl Vörckel




 

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