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Europa: Kirche und Erziehung
Karl Ballestrem/ Sergio Belardinelli/ Thomas Cornides (Hg.)
Kirche und Erziehung in Europa
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
295 Seiten
ISBN 978-3-531- 14767-3
In elf Länderberichten will die von der Volkswagen- Stiftung geförderte internationale und interdisziplinäre Untersuchung eine Momentaufnahme der europäischen Bildungslandschaft hinsichtlich ihres religiösen Erziehungs-und Bildungspotentials geben. Die einzelnen Berichte informieren über die meist doch sehr unterschiedlichen Formen kirchlicher Erziehungsarbeit in Europa – der Fokus ist bewusst konfessionell und liegt auf dem katholischen Schulwesen und dem katholischen Religionsunterricht.
Hier liegt leider neben der Beschränkung auf nur 11 von 27 europäischen Ländern die konzeptionelle Schwäche der Studie, ein breiterer Fragehorizont wäre wünschenswert gewesen. Erklärtes Ziel ist ein systematischer Vergleich zwischen den elf Ländern. Unter einer gemeinsamen Gliederung (historisch-sozialer Kontext, Rechtsgrundlagen, kirchliche Erziehungsarbeit, Probleme und Optionen) gehen alle Länderexposés von folgenden Fakten und Fragen aus: Entchristlichungsprozesse sind überall in Europa anzutreffen, aber sie sind nicht in allen Ländern gleichermaßen fortgeschritten und verbreitet. Worin liegen die Unterschiede? Wie lassen sie sich erklären? Gehören zu den Faktoren, die Unterschiede erklärbar machen, auch die verschiedenen Staat- Kirche-Verhältnisse? Zahlreiche Tabellen und Schaubilder illustrieren die dichte Faktenlage. Aus der Vielzahl der Ergebnisse seien hier nur einige herausgegriffen: Die kirchliche Erziehungsarbeit bietet ein starkes Indiz, dass die unterschiedlichen Staat-Kirche-Verhältnisse, die nur historisch zu verstehen sind, auf ein Kooperationsmodell zustreben – das deutsche Modell stellt hier gewiss das ausbalancierteste dar. Das Identitätsmodell der Staatskirche (Griechenland, England) ist – wo noch vorhanden – im Umbau begriffen. Politisch ist das laizistische Trennungsmodell nach französischem Vorbild die stärkste Bedrohung für öffentlich organisierte religiöse Bildungsarbeit. Das Katholische Schulwesen ist in Deutschland trotz großer Nachfrage und guter Reputation im europäischen Vergleich nur sehr schwach ausgeprägt. Nur 3 Prozent der deutschen Schüler gehen auf katholische Schulen; dieser Wert werden nur noch von Kroatien (1,12 %), Tschechien (0,93%) und Polen (0,88%) unterschritten. Das Bild des Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen ist in europäischer Perspektive sehr bunt. Dennoch – und das ist bemerkenswert – findet bis auf den Sonderfall Frankreich an den öffentlichen Schulen Religionsunterricht statt und die Kirchen wirken – mit Ausnahme von England und Wales – daran mit. Gemeinsam religiöse Überzeugungen und selbstverständlich gelebte Kirchlichkeit in den Familien werden in Europa aber immer mehr zur Ausnahme. Die eigentliche Katechese bleibt den Kirchengemeinden überlassen, die aber nur einen kleinen Teil der nominellen Christen erreichen. Dass sich die Rolle des Religionslehrers vor diesem Hintergrund von Grund auf neu stellt, liegt auf der Hand. Gleichzeitig steht der Religionsunterricht allerorten inhaltlich vor der Herausforderung, einen Weg zwischen vergleichender Religionswissenschaft, kirchlicher Verkündigung und humanistischer Lebenskunde zu finden. Das Limburger Modell eines mystagogisch grundierten Religionsunterrichts ist in dieser religionspädagogischen Neuausrichtung eine erkennbare Positionsbestimmung. Es ist das Verdienst von „Kirche und Erziehung in Europa“ den Blick über den deutschen Tellerrand geweitet zu haben. Eine vergleichende europäische Bildungsforschung steht erst an ihrem Anfang. (Martin W. Ramb)
Quelle: Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bistum Limburg 36 (2007), Heft 3, S. 129.
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