Biblische Antworten auf christliche Grundfragen
Kirche - Glauben - 11.03.2010

Otto Kaiser
Weihnachten im Osterlicht
Eine biblische Einführung in den christlichen Glauben

Stuttgart : Radius-Verlag 2008
173 Seiten
€ 18,00
ISBN 978-3-87173-106-8

Mit diesem Band beschreitet der emeritierte Marburger Alttestamentler Otto Kaiser das Gebiet der neutestamentlichen Nachbardisziplin. Anlass und Rahmen dafür bildet seine These, dass in der heute weitgehend nihilistisch geprägten Gesellschaft das Zentrum der christlichen Botschaft, dass Jesus „uns Menschen durch seinen Tod erlöst und den durch die Sünde gestörten Frieden zwischen Gott und uns Menschen wiederhergestellt hat“ (15), ihre Bedeutung und damit ihr Erlösungspotential verloren hat. Kaiser hat es sich daher zur Aufgabe gemacht aufzuzeigen, dass es gerade die Versöhnung mit Gott ist, die zur „Aufhebung der Selbstentfremdung des Menschen“.

171) führt. Ohne diesen elementaren Kern christlicher Botschaft, so ist Kaiser überzeugt, „bleibt ein unverbindliches ‚Weichspülchristentum’ übrig, welches der Existenz der Kirche die Legitimation entzieht“ (171). Deshalb stellt sich Kaiser die Aufgabe, „die Grundfragen des christlichen Glaubens in sorgfältigem Lesen der Evangelien zu beantworten“ (S. 17). Sein Blick auf Leben, Botschaft und Tod Jesu von Nazareth steht unter der hermeneutische Prämisse, dass die Evangelien „im Osterlicht“ auf Jesus zurückblicken und daher dessen irdische Gestalt vom nach Ostern verkündeten Christus nicht klar zu trennen ist. Methodisch will der Autor eine historisch-kritisch fundierte „Analyse“ der Jesuserzählungen der Evangelien mit der Perspektive existenzialer Bibelinterpretation in der Spur seines Lehrers Rudolf Bultmann verbinden (vgl. 17; 172) – um so aufzuzeigen, welch existenzielle Bedeutung die Botschaft vom sühnenden Tod Jesu für das christliche Bekenntnis hat.
In einem einführenden Kapitel (II) informiert Kaiser über Rahmendaten zur Evangelienentstehung sowie zum politischen und religiösen Kontext des Lebens und Wirkens Jesu. In den Kapiteln III bis V werden Leben, Wirken, Leiden und Sterben Jesu nach dem Zeugnis der Evangelien skizziert. Die chronologisch orientierte Ausführung ist von einem im eigentlichen Wortsinn synoptischen Blick geleitet, mit dem der Autor zumeist ausgehend vom markinischen Erzählfaden Besonderheiten und Unterschiede der vier Evangelien aufzeigt. Die erzählende Analyse wird an einigen Stellen durch existenziale Deutungen und Ausfaltungen einzelner Themen vertieft, wie etwa bei der Frage nach dem Selbstverständnis Jesu (44f.; 48f.), bei der Auslegung der Seligpreisungen (62–65) und des Vaterunsers (66–72). Das Jesusbild, das Kaiser entwirft, hat deutlich endzeitliche Züge: Jesus sei „als der letzte Rufer vor dem Ende“ aufgetreten, „der sich an sein Volk gesandt wusste, um es zur Umkehr zu rufen, und in dessen Worten und Taten bereits das Licht des kommenden Gottesreiches aufleuchtete“ (49; vgl. 57). Den Inhalt der Botschaft Jesu bestimmt Kaiser im Bezug auf die Bergpredigt vornehmlich als Anleitung zu innerer Freiheit, zu Gottvertrauen und zu Barmherzigkeit. Beim Gang durch die Ereignisse der letzten Lebenstage Jesu in Kapitel V (85–126) schenkt Kaiser der Abendmahlstradition und den Einsetzungsberichten besondere Aufmerksamkeit (95–101). Die synoptische Szene des Gebets Jesu in Gethsemani deutet Kaiser als zweite Versuchung Jesu, in der Jesus trotz der Anfechtung der Todesangst seine Entscheidung bekräftigt, sich ganz dem Willen Gottes zu unterstellen (vgl. 102f). Die vergleichende Analyse der Darstellungen des Sterbens Jesu lässt Kaiser mit dem Evangelisten Markus auf das Bekenntnis des Hauptmanns (Mk 15,39) zulaufen (123). In Kapitel VI wendet sich Kaiser den neutestamentlichen Osterzeugnissen zu. „Denn erst im Osterlicht wird aus dem, geschichtlich beurteilt, an seinem Gottvertrauen gescheiterten Wanderprediger Jesus von Nazareth der Christus des Glaubens und Kyrios, der Herr und kommende Menschensohn.“ (126). Zunächst (126–136) stellt Kaiser 1 Kor 15,1–11 und die Ostererzählungen der Evangelien vor. Unter der Überschrift „Die Einheit des irdischen und des erhöhten Herrn als Antwort des Glaubens“ folgt ein Unterkapitel (137–154), das die Perspektive auf den Irdischen mit dem Bekenntnis zum Auferstandenen verbindet. Aus der Sicht der Jünger deutet Kaiser aus, wie sich deren Blick auf Jesu Wirken und auf seinen Tod im Licht der Ostererfahrung veränderte und wie die neue Erkenntnis, dass Jesus „aus der Welt Gottes kam und in die Welt Gottes zurückgekehrt ist“ (vgl. 137), in den Würdetiteln Niederschlag fand. Ausführlich widmet er sich der theologischen und existenzialen Auslegung einzelner Titel und christologischer Aussagen. Die grundlegende Deutung all dieser österlichen Reflexionen der Sendung Jesu ist, dass dieser die Menschen von den Sünden erlöst und mit Gott versöhnt hat (vgl. 144; 148; 150; 155). Im abschließenden Kapitel VI „Von der Macht der Sünde und der Gnade“ (155–170), das im Blick auf die Gesamtintention des Buches eine Schlüsselfunktion besitzt, bestimmt Kaiser die Begriffe der Sünde und der Erlösung. Besteht die Sünde des Menschen im Letzten „im Versagen des Vertrauens gegen Gott als den tragenden Grund unseres Dasein(s)“ (162), so geschieht seine Erlösung dadurch, dass Jesus in seiner bedingungslosen Übergabe seines Lebens an Gott stellvertretend diese Sünde der Menschen gesühnt und sie mit Gott versöhnt hat (vgl. 164–170). Dies freilich ist, wie Kaiser betont, erst im Osterlicht erkennbar, in dem „der Irdische und der Auferstandene eins sind“ (166) und in dem daher das Weihnachtsfest „das Kommen des Erlösers von der Sünde“ (155) feiert.

Otto Kaiser nimmt die Leserinnen und Leser seines Werks in eine interessante Perspektive auf das Jesusereignis hinein. Sein anspruchsvolles Programm einer Verbindung von narrativ-theologischer Analyse, Klärung einzelner historisch¬kritischer Fragen und existenzialer Deutung ist über große Strecken inspirierend und sprachlich ansprechend ausgeführt. Als „Einführung in den christlichen Glauben“ konzipiert, richtet sich das Buch vor allem an theologisch und philosophisch Interessierte, die sich intensiver mit dem christlichen Bekenntnis auseinandersetzen wollen, dass Gott im Tod Jesu die Menschen von der Sünde erlöst hat. Diese Ausrichtung macht es verständlich, dass das Werk auf die wissenschaftliche Diskussion von Forschungsmeinungen und generell auf Anmerkungen und Literaturnachweise verzichtet. Was dem Lesefluss ohne Zweifel dient, erschwert allerdings an vielen Orten die inhaltliche Nachvollziehbarkeit – vor allem deshalb, weil Kaiser in diversen Fragen Positionen vertritt, die mit dem aktuellen Stand neutestamentlicher Wissenschaft nicht in Einklang stehen. So referiert er z. B. zur Frage der Verfasserschaft der Evangelien die altkirchlichen Zuweisungen (s. 18f: Markus als Helfer des Paulus, Lukas als Arzt und Begleiter des Paulus). Seine Charakterisierung des markinischen Jesus als „letzte(n) Bußprediger angesichts des bevorstehenden Endgerichts“, der „sein Leben als Sühnopfer für viele dahingegeben“ habe (22), betont sicher einen Akzent markinischer Christologie; ob es sich dabei im Sinne Kaisers um deren Hauptrichtung handelt, bedürfte zumindest eingehenderer Diskussion. Überraschend ist auch Kaisers Sympathie für eine Datierung der Geburt Jesu ins Jahr 7 n. Chr. (S. 39f; wegen des in Lk 2,1 erwähnten Zensus) sowie die durchgängige Unterscheidung zwischen den (mehrfach auf die Zwölf beschränkten) Jüngern und den Frauen in der Nachfolge Jesu (z.B. 50; 94; 123; 125), die implizit den Frauen den Jüngerstatus abspricht – was der inzwischen schon klassisch zu nennenden, von Mk 15,40f ausgehenden feministisch-exegetischen Interpretation widerspricht. Befremdlich ist auch, dass er offenbar das Redeverbot für Frauen im Gottesdienst in 1 Kor 14,34f entgegen mehrheitlicher Forschungsmeinung für original paulinisch hält (vgl. 133). An einigen gerade im christlich-jüdischen Dialog sensiblen Punkten wäre bei aller Schwierigkeit der exakten Trennung eine kritische Unterscheidung zwischen erzählter und erzählender Zeit hilfreich und geboten gewesen. So zeichnet Kaiser in Kapitel „Jesus und die Pharisäer“ (82–84) das polemische Pharisäerbild der Evangelien nach, ohne zu berücksichtigen, dass dieses stark von jüdisch-christlichen Abgrenzungsbestrebungen zur Zeit der Evangelienentstehungen geprägt ist. Problematisch ist auch Kaisers undifferenzierte Verhältnisbestimmung Jesu zur Tora, die im Zuge der Behandlung der Bergpredigt durchscheint: Bei Jesus trete „an die Stelle der über 600 Gebote und Verbote der Tora“ „kein neues Joch ...: Er verlangt keine zusätzlichen religiösen Anstrengungen“ (63). Dass gerade im Kontext dieser sensiblen Thematik – wohl aufgrund eines Lektoratfehlers – der zentrale Satz nicht korrekt zuende konstruiert ist (63, Mitte: „An die Stelle der Gebote und Verbote der Tora ... legt Jesus in der Bergpredigt ... kein neues Joch auf“), erschwert die Auslotung von Kaisers Position zusätzlich. Mich persönlich irritierte nicht zuletzt die durchgängige Verwendung des Begriffs „Bericht“ im Blick auf kleine und größere Erzähleinheiten der Evangelien, der mitunter den Eindruck einer historisierenden Lektüre der Jesuserzählung und der Osterzeugnisse weckt. Für wen die benannten Punkte und die fehlende Verortung im aktuellen neutestamentlichen Diskurs nicht zu sehr ins Gewicht fallen, der findet im vorliegenden Buch Otto Kaisers eine existenzialphilosophisch wie theologisch anregende Interpretation des Jesusereignisses und des am Kreuz eröffneten Versöhnungs- und Erlösungsangebotes Gottes.

Susanne Ruschmann

Quelle: Katholisches Bibelwerk e.V. Stuttgart, Biblische Bücherschau 1/2010
 


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