Heilige und Heiligsprechung
Bibel - Tradition - 08.02.2010

Volker Ufertinger
Warum sind Heilige heilig?

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2007
64 Seiten
ISBN 978-3-421-04208-8

Eine „Seltenheit … mit Erklärungsbedarf“ nennt der Autor des in der populären Kinder-Uni-Reihe erschienenen Bändchens den katholischen Heiligenglauben und beginnt ausgehend von der Geschichte des hl. Franz von Assisi zu erklären, warum Heilige heilig sind.

Beispiele wie Mutter Theresa oder Maximilian Kolbe verdeutlichen, dass es die radikale Christusnachfolge – sozusagen das gelebte Evangelium – ist, die das Leben der Heiligen vom „Durchschnitt“ unterscheidet und so ihre Heiligkeit ausmacht. Der Prozess der Heiligsprechung in der Katholischen Kirche wird anhand des bereits eingeleiteten Kanonisationsverfahrens in Bezug auf Johannes Paul II. kurz skizziert. Hierbei erwähnt der Autor zwar die Wichtigkeit von überlieferten und in gewisser Weise überprüfbaren Wundertaten für das Verfahren der Heiligsprechung sowie für die Heiligenlegenden, er bleibt in der Kürze seiner Ausführungen aber einer Erklärung, was unter einem Wunder zu verstehen ist, letztlich schuldig. Von den Menschen eingeforderte und in die Heiligenlegenden eingetragene Sensationen, übernatürliche Ereignisse oder ungewöhnliche Heilung aus der Kraft des Glaubens? – bei Ufertinger finden sich für all diese Deutungen Beispiele undifferenziert nebeneinander. Was es mit Namenspatronen und Schutzheiligen für bestimmte Berufsgruppen oder Lebensbereiche auf sich hat, wird anekdotenhaft exemplarisch angesprochen. Ob Ufertinger, wenn er dabei die Heiligen in ihrer Mittlerfunktion als „Gottesflüsterer“ bezeichnet, die nahe liegende, in diesem Fall aber missverständliche Assoziation mit dem bekannten „Pferdeflüsterer“ beabsichtigt, sei dahingestellt. Bei der Darstellung des im Zusammenhang mit dem Heiligenglauben stehenden Reliquienkults, der nach Aussage des Autors „der katholischen Kirche … mittlerweile ein bisschen peinlich“ ist, knüpft er zwar an die gegenwärtige Erfahrung im Umgang mit Erinnerungsstücken Verstorbener an, richtet sein Augenmerk dann aber vor allem auf die teils abergläubischen Implikationen und handfesten finanziellen Interessen. Mit jeweils knappen, die wesentlichen Eckpunkte zusammentragenden Ausführungen über zentrale Heiligenfiguren wie den ersten Märtyrer Stefanus, den hl. Paulus und den vom Laternenumzug bekannten hl. Martin, den ersten heiligen Nicht- Märtyrer, wird die Darstellung abgerundet. Als Zeuge dafür, dass (Heiligen-) Glaube durchaus mit Humor gepaart sein kann und darf, findet hier auch Philipp Neri Erwähnung. Es gelingt dem Autor, zahlreiche Sachinformationen – insbesondere über die Entstehung und die Geschichte des Heiligenglaubens - unterhaltsam in komprimierter Form zu präsentieren. Trotz dieser Stärke des Bändchens ist es für den Einsatz im Religionsunterricht jedoch nur bedingt geeignet, da es offensichtlich nicht im Stile eines Religionsbuches beabsichtigt, Kindern ein tiefer reichendes, persönliches Verständnis für den Glauben an Heilige zu eröffnen. Im Gegenteil droht der unterhaltsame Stil stellenweise, z.B. bei den Anekdoten über die Anrufung von Namensheiligen und Patronen im (gegenwärtigen) Alltag, die Grenze zum Lächerlichen zu überschreiten – dies gilt auch für einzelne der cartoonartigen Illustrationen von Klaus Ensikat. Auch die undifferenzierte Verwendung des Wunderbegriffs mag bei den jungen Lesern u.U. eher zu einer Distanzierung führen – stehen sie den ihnen bekannten (z.B. biblischen) Wundererzählungen doch ohnehin fragend bis skeptisch gegenüber. Für die Gegenwart resümiert der Autor, dass mit dem wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt „der alte Heiligenglaube, der sich von den Himmelsbewohnern konkrete Hilfe bei konkreten Nöten versprochen habe,“ ausgedient habe und auch das Wissen über die in Kirchen und Kunstwerken dargestellten Heiligen weitgehend in Vergessenheit geraten sei. Mit der vielfach beschriebenen Rückkehr der Religiosität könnten Heilige heute aber durchaus als ermutigende Vorbilder im Glauben dienen. Mit einer reinen Vorbildfunktion wird aber die Bedeutung des Heiligenglaubens in der katholischen Kirche der Gegenwart ebenfalls zu wenig differenziert und sachgerecht beleuchtet – es besteht also weiter Erklärungsbedarf.

Ute Lonny-Platzbecker

Quelle: Eulenfisch Literatur 1 (2008), Heft 1, S. 40f. [Literaturbeilage von Eulenfisch. Limburger Magazin für Religion und Bildung]


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